„Erlkönig“ hat eine Zweitbedeutung

Wusste ich bis vor Kurzem nicht: Erlkönig hat eine Zweitbedeutung.

Quelle: Duden, Erlkönig

Gemeint ist ein noch geheimes Fahrzeugmodell, das man aber vielleicht schon hier und da sichten kann. Scheint in einschlägig kraftfahrzeuginteressierten Kreisen von grosser Bedeutung zu sein: Hast du den neuen Erlkönig von John Deere schon gesichtet? Nein? Soll drüben beim Nebelstreif hinter den alten Weiden rumstehen!

Berichtet wurde mir das von einer Bekannten, die auf dem Land aufgewachsen ist. Dort spielte das in der lokalen Presse offenbar eine wichtige Rolle, ob dieser oder jener Bauer einen neuen „Erlkönig“ – gemeint waren die jeweils neusten Traktorvarianten – auf dem Hof hätte. Es hätte richtiggehende Erlkönigjäger*innen gegeben, Journalistinnen und Journalisten, die Photos von Traktoren machten. Abenteuerlich, leidenschaftlich. Einfach Erlkönig.

Das wird Menschen, die sich für Automobil-Magazine interessieren, nicht überraschen. Dort ist der Ausdruck „Erlkönigjäger“ völlig geläufig, sogar eine Art Berufsbezeichnung.

Aber ich hatte ja keine Ahnung. Germanistik, quo vadis?

Toller Ausdruck der Woche: Jemandem nicht sagen können, wie schwarz aussieht

Fundort: Sonnenfels, Joseph von: Briefe über die wienerische Schaubühne. Brief vom 11. Juny 1768.

Der Ausdruck bedeutet ungefähr: Etwas nicht erklären oder beschreiben können, das eigentlich ganz offensichtlich und einfach zu sein scheint. Sonnenfels hat das nicht selbst erfunden, seine eigene Quellenangabe führt zu einem einigermassen zeitgenössischen Stück von Johann Christian Krüger (1723–1750), Der blinde Ehemann (genaues Datum unbekannt), in dem ein gewisser Crispin buchstäblich daran scheitert, die Farbe schwarz beschreiben zu können.

Krüger, Johann Christian: Der blinde Ehemann, erster Aufzug, erster Auftritt.

Ein recht alltägliches Stück Epistemologie, aber immerhin praktisch für schnoddrig-ärgerliche, unsympathische Abwürgungen von Unterhaltungen: „Ich kann dir halt nicht erklären, wie schwarz aussieht!“

Toller Ausdruck der Woche: Fermenta cognitionis

Fundort: Lessing, Gotthold Ephraim: Hamburgische Dramaturgie. Stuttgart: Reclam 2013. S. 480.

Endlich mal ein toller Ausdruck mit vollständiger Quellenangabe. Lessing benutzt ihn im 95. Stück seiner Hamburgischen Dramaturgie – und Überraschung, offenbar ist das eine Eigenprägung. Ich habe es jedenfalls nirgends sonst gefunden, für mich klang das sehr nach irgendeinem Lessingvorbild. Wird im Deutschen übersetzt mit „Gärstoffe der Erkenntnis“, was nach Jauchegrube klingt. Lessing wusste schon, was er da tat.

Momente voller Plunder: Meienberg vs. Abitur

Meienberg, Niklaus: Stille Tage in Chur [1974]. In: Meienberg, Niklaus: Reportagen aus der Schweiz. Zürich: Ex Libris 1979, 61.

Ist mir nie aufgefallen, und ich finde es auch kulturanalytisch nicht ganz so schlimm wie Niklaus Meienberg, aber verblüffend ist es allemal, dass dort, wo in Österreich und der Schweiz ‚gereift‘, in Deutschland ‚weggegangen‘ wird.

Momente voller Plunder: Cortázar vs. McLuhan

Kapitel 79

In Julio Cortázars Roman Rayuela (1963) macht sich der fiktive Autor Morelli in einer der im Text verstreuten poetologischen Reflexionen über ‚den Roman‘ so seine Gedanken (Kapitel 79) und veröffentlicht dabei ein Jahr vor Marshall McLuhan eine Variante der inzwischen bekannten Maxime „The medium is the message“. Die Schrift von McLuhan, der üblicherweise die Erstnennung des Dictums zugeschrieben wird, nämlich Understanding Media, erschien erst 1964. Allerhand! Morelli, bzw. Cortázar, knapp vor McLuhan! Gut, Morelli sagt eher so etwas wie „The messenger is the message“. Ich habe dann noch nachgeschaut, ob die deutsche Übersetzung von Fritz Rudolf Fries, die erst 1981 erschien, sich in irgendeiner vom spanischen Text abweichenden Form an McLuhan orientiert, das scheint aber nicht der Fall zu sein. Spanisch heisst die Stelle durchaus wörtlich: „Una narrativa que no sea pretexto para la transmisión de un ‚mensaje‘ (no hay mensaje, hay mensajeros y eso es el mensaje, así como el amor es el que ama) […]“. Natürlich, jetzt müsste man noch nachschauen, ob und inwiefern Varianten des Ausspruchs schon vorher in der Kulturgeschichte vorkamen, und ich bin mir sicher, dass man da bei so einer üblichen Kette von Joyce, Nietzsche, Fr. Schlegel, Cervantes bis zum guten Homer landen würde. Das kann gern jemand unternehmen. Aber die diesbezügliche Drängung Anfang der 1960er scheint mir hübsch, und dass McLuhan den Spruch dermassen für sich pachten konnte, scheint mir überdenkenswert, ohne dass ich damit unlautere Absichten verfolge.

Momente voller Plunder: Arnim & die Beat-Generation

Quelle: Die immer grossartige Zvab.com-Photographie

Ein weiterer Moment voller Plunder aus der Kulturgeschichte. Heutiges Fundstück: Bettine von Arnim denkt an einem Brief an Karoline von Günderrode [sic] über die Beat-Generation und James Dean nach:

Da ist’s deutlich, daß der Geist auch nur Frühlingsatem schöpft und daß Jugend nicht in Zeit sich einschränkt, die vergeht, da Lebenslust nicht vergehn kann, weil, wie Natur Frühling aufatmet, wir Lebensbegeisterung aufatmen.– Es ist dumm, was ich hier sag, ist nicht uneingehüllter Geist, der den Wahn vernichtet, aber unter der armseligen Hülle des zwanzigmal wiederholten Vergleichs liegt einer zerschmetternden Antwort Keim auf das, was Du mir schon mehr als einmal gesagt hast: „Recht viel wissen, recht viel lernen, und nur die Jugend nicht überleben. – Recht früh sterben!“

(Bettine v. Arnim: Die Günderode. Leipzig: Insel 1983 [1840]. S. 413.

Abb. Deutsches Textarchiv