Ab wann wurde ‚lobbyiert‘?

Ein Schauspieler hat mich für eine schweizerische Film- oder Fernsehproduktion (ich glaube, es war Frieden, aber wir haben das nie thematisiert) gefragt, ob in einer vor 1950 spielenden Handlung seine Figur realistischerweise das Wort lobbyieren benutzen würde. Ich habe das relativ oberflächlich recherchiert:

Quelle: Meidinger, Heinrich v.: Vergleichendes etymologisches Wörterbuch der gothisch-teutonischen Mundarten. Frankfurt/M. 1833. Bild per GoogleBooks, digitalisierte zweite Auflage 1836 hier.

Ein Blick in dieses Werk aus dem frühen 19. Jahrhundert zeigt, dass es das Wort Lobby im deutschen damals eher noch nicht gab, sondern noch übersetzt und etymologisch mit Laube in Verbindung gebracht wird, was das DWDS bestätigt.

Ein nächster interessanter Treffer leuchtet 1871 in der Zeitschrift Globus: Illustrirte Zeitschrift für Länder- und Völkerkunde (1861–1910) auf. Dort wird Lobby – das Substantiv – in seiner Bedeutung und als Konzept sachkundig erklärt, der im Englischen völlig geläufige Transfer von Substantiven zu Verben (to lobby) wird explizit geschmäht:

Quelle: Globus, Vol. 21 auf GoogleBooks

Begriff und englisches Verb 1871 also schon vorhanden, auf eine Verwendung im Deutschen deutet hier noch nichts hin.

Eine gezieltere Suche nach Verbformen, z.B. „lobbyiert“, fördert dann diesen Schnipsel von 1959 zu Tage:

Quelle: Zeitschrift Arbeit und Recht, Volumes 6–7, auf GoogleBooks hier

Das scheint geläufig verwendet zu sein, liegt aber schon mindestens ein Jahrzehnt nach der erfragten Handlungszeit der Produktion, die unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg spielt. Der früheste Google-Ngram-Treffer für lobbyieren ist von 1968, in einer politikwissenschaftlichen „Festgabe“:

Quelle: Hartmann, Alois: Im Spannungsfeld der Politik. Luzern 1968. Bild von GoogleBooks hier.

Es steht dort noch in dicken Anführungszeichen, gilt offensichtlich als irgendwie markierungswürdig, so wie jetzt gerade vielleicht noch… ich hätte als Beispiel jetzt gern „netflixen“ verwendet, aber das steht schon im Online-Duden.

Sicher, Google-Ngram ist keine wasserdichte Quelle. Aber angesichts der Beispiele und der eher dünnen Informationen bei DWDS habe ich empfohlen, von einer Verwendung des Verbs für eine vor 1950 angesetzte Handlung abzusehen. Ich glaube, im Dialog ist dann „machen Stimmung für“ herausgekommen. Zur Debatte stand dann noch, ob die Begriffe Restituierung und Finanzplatz in den 1940ern geläufig waren – das kann man relativ schnell bestätigen. Finanzplatz, so ein hässliches Wort, gehörte offenbar schon im 19. Jahrhundert zum Zeitschriftjargon.

Wir haben hier nicht viel gelernt, ausser dass es erstaunlich ist, dass Schauspielern selbst überlassen wird, historisch einigermassen korrekte Dialoge zu sprechen. Ich weiss auch nicht, wie viel meine Recherche wert ist, ich stelle vielleicht mal eine Rechnung an unbekannt.

„Erlkönig“ hat eine Zweitbedeutung

Wusste ich bis vor Kurzem nicht: Erlkönig hat eine Zweitbedeutung.

Quelle: Duden, Erlkönig

Gemeint ist ein noch geheimes Fahrzeugmodell, das man aber vielleicht schon hier und da sichten kann. Scheint in einschlägig kraftfahrzeuginteressierten Kreisen von grosser Bedeutung zu sein: Hast du den neuen Erlkönig von John Deere schon gesichtet? Nein? Soll drüben beim Nebelstreif hinter den alten Weiden rumstehen!

Berichtet wurde mir das von einer Bekannten, die auf dem Land aufgewachsen ist. Dort spielte das in der lokalen Presse offenbar eine wichtige Rolle, ob dieser oder jener Bauer einen neuen „Erlkönig“ – gemeint waren die jeweils neusten Traktorvarianten – auf dem Hof hätte. Es hätte richtiggehende Erlkönigjäger*innen gegeben, Journalistinnen und Journalisten, die Photos von Traktoren machten. Abenteuerlich, leidenschaftlich. Einfach Erlkönig.

Das wird Menschen, die sich für Automobil-Magazine interessieren, nicht überraschen. Dort ist der Ausdruck „Erlkönigjäger“ völlig geläufig, sogar eine Art Berufsbezeichnung.

Aber ich hatte ja keine Ahnung. Germanistik, quo vadis?

Jemandem nicht sagen können, wie schwarz aussieht

Fundort: Sonnenfels, Joseph von: Briefe über die wienerische Schaubühne. Brief vom 11. Juny 1768.

Der Ausdruck bedeutet ungefähr: Etwas nicht erklären oder beschreiben können, das eigentlich ganz offensichtlich und einfach zu sein scheint. Sonnenfels hat das nicht selbst erfunden, seine eigene Quellenangabe führt zu einem einigermassen zeitgenössischen Stück von Johann Christian Krüger (1723–1750), Der blinde Ehemann (genaues Datum unbekannt), in dem ein gewisser Crispin buchstäblich daran scheitert, die Farbe schwarz beschreiben zu können.

Krüger, Johann Christian: Der blinde Ehemann, erster Aufzug, erster Auftritt.

Ein recht alltägliches Stück Epistemologie, aber immerhin praktisch für schnoddrig-ärgerliche, unsympathische Abwürgungen von Unterhaltungen: „Ich kann dir halt nicht erklären, wie schwarz aussieht!“

Fermenta cognitionis

Fundort: Lessing, Gotthold Ephraim: Hamburgische Dramaturgie. Stuttgart: Reclam 2013. S. 480.

Endlich mal ein toller Ausdruck mit vollständiger Quellenangabe. Lessing benutzt ihn im 95. Stück seiner Hamburgischen Dramaturgie – und Überraschung, offenbar ist das eine Eigenprägung. Ich habe es jedenfalls nirgends sonst gefunden, für mich klang das sehr nach irgendeinem Lessingvorbild. Wird im Deutschen übersetzt mit „Gärstoffe der Erkenntnis“, was nach Jauchegrube klingt. Lessing wusste schon, was er da tat.

Niklaus Meienberg vs. Abitur

Meienberg, Niklaus: Stille Tage in Chur [1974]. In: Meienberg, Niklaus: Reportagen aus der Schweiz. Zürich: Ex Libris 1979, 61.

Ist mir nie aufgefallen, und ich finde es auch kulturanalytisch nicht ganz so schlimm wie Niklaus Meienberg, aber verblüffend ist es allemal, dass dort, wo in Österreich und der Schweiz ‚gereift‘, in Deutschland ‚weggegangen‘ wird.

Cortázar vs. McLuhan

Kapitel 79

In Julio Cortázars Roman Rayuela (1963) macht sich der fiktive Autor Morelli in einer der im Text verstreuten poetologischen Reflexionen über ‚den Roman‘ so seine Gedanken (Kapitel 79) und veröffentlicht dabei ein Jahr vor Marshall McLuhan eine Variante der inzwischen bekannten Maxime „The medium is the message“. Die Schrift von McLuhan, der üblicherweise die Erstnennung des Dictums zugeschrieben wird, nämlich Understanding Media, erschien erst 1964. Allerhand! Morelli, bzw. Cortázar, knapp vor McLuhan! Gut, Morelli sagt eher so etwas wie „The messenger is the message“. Ich habe dann noch nachgeschaut, ob die deutsche Übersetzung von Fritz Rudolf Fries, die erst 1981 erschien, sich in irgendeiner vom spanischen Text abweichenden Form an McLuhan orientiert, das scheint aber nicht der Fall zu sein. Spanisch heisst die Stelle durchaus wörtlich: „Una narrativa que no sea pretexto para la transmisión de un ‚mensaje‘ (no hay mensaje, hay mensajeros y eso es el mensaje, así como el amor es el que ama) […]“. Natürlich, jetzt müsste man noch nachschauen, ob und inwiefern Varianten des Ausspruchs schon vorher in der Kulturgeschichte vorkamen, und ich bin mir sicher, dass man da bei so einer üblichen Kette von Joyce, Nietzsche, Fr. Schlegel, Cervantes bis zum guten Homer landen würde. Das kann gern jemand unternehmen. Aber die diesbezügliche Drängung Anfang der 1960er scheint mir hübsch, und dass McLuhan den Spruch dermassen für sich pachten konnte, scheint mir überdenkenswert, ohne dass ich damit unlautere Absichten verfolge.