Santana: The World of Santana

Rating: 1.6/10
Rated as
: Bootleg / Live / Archival
Album Status: of Archival Interest
Released: 2001 (1994 Galaxy)
Recorded: ? [1960s/70s]
Specific Genre: Latin Rock
Main Genre: Rock
Undertones: Blues Rock
Label: ZYX Music

CD1: 1.1 Jingo 1.2 El Corazon Manda 1.3 La Puesta del Sol 1.4 Persuasion 1.5 As the Years Go Passing By 1.6 Acapulco Sunrise 1.7 Coconut Grave 1.8 Hot Tamales
CD2: 2.1 With a Little Help from My Friends 2.2 Every Day I Have the Blues 2.3 Jam in E 2.4 Travelin‘ Blues 2.5 Jammin‘ Home 2.6 Jammin G. Minor

Worthless packaging, zero information

This ultra-cheap double-issue is identical to the equally crummy releases Greatest Hits Live Vol 1 and Greatest Hits Live Vol 3 (don’t be fooled, as opposed to the Wilburys, there actually is a Vol 2). The title of these is a complete joke, as this is indistinct live bootleg jamming of what must be late 1960s/ early 1970s recordings. Atrocious sound quality, worthless packaging, zero information, and a totally indiscriminate track selection. If you came here for the novelty of hearing Santana play the Beatles’ „With a Little Help From My Friend“, you’ll get that novelty, but not much more.

Most of CD1 is simply their early 1970s latin rock jams, CD2 is surprisingly blues-tinged, as already indicated by the song titles. That stresses one of Santana’s more overlooked musical sources (B.B. King, for one). Either way, there are numerous bootlegs of exactly these and similar live cuts on the market, and while this isn’t bad music at all, it’s just very uninteresting and badly recorded stuff. Definitely not worth seeking out, even for fans.

schulfüchsisch

Fundort: Irgendein Text aus dem späten 18. Jahrhundert

Schulfüchsisch, Adjektiv, im Kontext, soweit ich mich erinnere, höchst abwertend gemeint. Das DWDS hat für das Adjektiv keine Einträge, beschreibt aber einen Schulfuchs schlicht als einen Pedanten. Soziopolitischer wird’s im Grimmschen Wörterbuch, wo sich eine Zweitbedeutung findet, die das Wort so herleitet:

ein spott-wort, das die hoffärtigen studenten von denen gebraucht, die noch auf schulen sind, oder erst davon herkommen, welche keine studentische freyheit haben, sondern in ihr schul-loch als füchse kriechen, und im verborgenen stecken. Frisch 2, 231ᶜ.

Schulfuchs, Grimmsches Wörterbuch

Obige Bedeutung wird dann bei Adelung noch gestützt. Wie dem auch sei, der „Pedant“ scheint vorzugehen. Das Wort ging steil zu Anfang des 18. Jahrhunderts (laut DWDS) und sollte, klar, wieder eingeführt werden.

Tierpark

Neulich waren wir zum ersten Mal im Tierpark Berlin. Das ist nicht der bekannte Tiergarten im Westen der Stadt, sondern eine riesige Anlage im Osten, die aus dem Park des Schlosses Friedrichsfelde (gegründet 1685 als Schloss Rosenfelde) entstand. Da der Zoo der Stadt im Westen lag, wurde nach der Teilung 1955 beschlossen, aus diesem Schlosspark einen Tierpark zu machen. Tierpark hier, Zoologischer Garten dort – und der Tierpark nennt sich hochoffiziell selbst Landschaftstiergarten.

Frage: Daraus erwuchs im Küchengespräch die legitime Frage: Gibt es einen Unterschied zwischen Zoo, Tiergarten und Tierpark?

Resultat: Die Recherche ist eindeutig: Es gibt keinen begrifflichen oder juristischen Unterschied zwischen Zoo(logischer Garten) und Tierpark. Aber natürlich einige interessante Details.

Details: Tierpark wurde früher zumindest tendenziell mit kleineren Anlagen assoziiert. Spätestens eine EU-Regelung von 1999, die «Zoo» (z.B. in Abgrenzungen zu Zirkussen) definiert, macht den Unterschied hinfällig, eine Tieranlage jeder Grösse ist ein Zoo, oder eben ein Tierpark, völlig egal. Hier lohnt es sich, einmal die EU-Definition von Zoo im Original nachzulesen:

Definition

Im Sinne dieser Richtlinie bezeichnet der Ausdruck «Zoo» dauerhafte Einrichtungen, in denen lebende Exemplare von Wildtierarten zwecks Zurschaustellung während eines Zeitraums von mindestens sieben Tagen im Jahr gehalten werden; ausgenommen hiervon sind Zirkusse, Tierhandlungen und Einrichtungen, die die Mitgliedstaaten von den Anforderungen der Richtlinie ausnehmen, weil sie keine signifikante Anzahl von Tieren oder Arten zur Schau stellen und die Ausnahme die Ziele der Richtlinie nicht gefährdet.

Quelle oben im Link.

Ist das nicht hinreissend? Sieben Tage im Jahr! Und: «Ausgenommen sind […] Einrichtungen, die die Mitgliedstaaten von den Anforderungen der Richtlinie ausnehmen». Klar, danach werden diese Anforderungen ausgeführt, aber man lese mal genau hin: In dem Satz ist nicht einmal das Subjekt klar. Und wieso nicht: «die die von den Mitgliedstaaten erlassenen Anforderungen der Richtlinie nicht erfüllen»? Wie dem auch sei.

Nochmal zum mir (und allen seither befragten Bekannten) vorher völlig unbekannten Tierpark im Osten Berlins: Es ist tatsächlich der flächenmässig grösste Zoo Europas mit 160 Hektar. Zum Vergleich: Der indische Arignar Anna Zoo ist ungefähr 600 Hektar gross. Undankbar ist, den grössten Zoo der Welt eruieren zu wollen, da die Zoo-Definitionen der verfügbaren Internet-Listicles nicht mit der oben gelästerten, aber dankenswert klaren EU-Regelung arbeiten. Der Zoologische Garten im Westen Berlins ist aber übrigens artenreicher als der Tierpark und bezeichnet sich selbst als artenreichsten Zoo der Welt.

Noch ein Detail: Der Tierpark nennt sich Landschaftstiergarten. Das scheint ein höchst laxer Begriff zu sein, der sich aus zwei Dingen erklärt: Einerseits ist der Park historisch gesehen natürlich ein zum Schloss Friedrichsfelde gehöriger Landschaftsgarten, was einfach bedeutet, dass er als landschaftlich-wild aussehender Park gestaltet wurde, ohne dass das mit Tieren etwas zu tun hätte («Englischer Landschaftsgarten»). Andererseits wird Landschaftstiergarten offenbar inzwischen teilweise für Zoos verwendet, in denen die Gehege eher «natürlich» aussehen. Das scheint noch ein relativ fuzzy term zu sein, geht aber vielleicht langsam Richtung Standardisierung. Zu guter Letzt: Ich mag Zoos nicht besonders, aber die begriffliche Unterscheidung machte mir beim Recherchieren viel Freude.

Arbeitsalltag

Schlechte Ideen für den Namen einer Radiosendung, die ich gerade konzipiere:

Geräuschkulisse

Textuelle Hörigkeit

Kontext Ton-Text

Textwut

Bücherblues

Ton, Text, Tüdelü

Alles Mist, aber „Textuelle Hörigkeit“ ist hiermit von mir getrademarkt, das verwende ich irgendwann nochmal in einem Bierzeltzusammenhang.

milzsüchtig

milzsüchtig (Adj.)

Fundort: irgendein/e Theatertext oder
-zeitschrift aus dem 18. Jahrhundert

Milzsüchtig heisst laut dem Duden einfach hypochondrisch, und war im Kontext, den ich vergessen habe, auch eindeutig als Beleidigung oder Abwertung gemeint. Hatte seine besten Tage – so jedenfalls das DWDS – im späten 18. Jahrhundert, ca. 1760–1780, was auch genau in den Zeitraum des Textes fällt, wo ich es entdeckt habe (das weiss ich, weil es einfach aus einem Riesenhaufen theoretischer, journalistischer und belletristischer Texte aus eben dieser Zeit ist, die ich letztes Jahr lesen musste – ich weiss einfach nicht mehr, wo genau). Das DWDS hat für das 21. Jahrhundert null Belege dazu gespeichert, für das 20. Jahrhundert gibt es von 1900 einen Beleg, und von wem? Genau, vom Meister der gewundenen und originellen Beleidigung, Karl Kraus in der Fackel.

Schaut man sich aber die frühen Belege im DWDS an, als0 1600–1900, sieht man schon an der Liste, dass der Ausdruck anfänglich eher neutral und für eine medizinische Befindlichkeit verwendet wurde, die sich an der Viersäftelehre zu orientieren scheint: die Milz ist dort ja für die Überproduktion der schwarzen Galle zuständig, also für melancholische, kränkliche Menschen. Später aber, im heissen Zeitraum des späten 18. Jahrhunderts, wandelt sich das Wort dann zusehends zur Abwertung von Hypochondern. Mir ist egal, welche Form wieder Verwendung finden soll, fände ein ernsthaftes #milzsüchtig bei schlechter Laune und grosser Schwermut aber sehr hübsch.

Kulturgeschichtlich ist vielleicht noch darauf hinzuweisen, dass das aus dem Griechischen entliehene Englische Wort für Milz spleen ist, welches dann wiederum Baudelaire für seine spezielle Art der Schwermut im Le Spleen de Paris benutzt hat – die Anglisierung wird in deutschen Baudelaire-Übersetzungen beibehalten (Pariser Spleen, der Spleen von Paris). Da wäre mit der guten alten Milzsucht (oder schweizerisch Milzsüchtigkeit) doch einiges mehr drin gelegen:

Die grosse Milzsucht.

Pariser Milzsucht.

Paris: Milzsüchtig.

Nach mir die Milzsucht.

Und so weiter.

Panassié vs. Bebop

Epperson, Bruce D.: More Important Than the Music. A History of Jazz Discography. Chicago: The University of Chicago Press 2013. P. 136.

Another interesting factoid about the development of jazz discographies and the historicity of music categories: Up until the 1950s, there was very serious opposition to include anything into the category of jazz that was, lo and behold, ‚bebop‘ or ‚cool music‘ – in other words, too ‚refined‘ and not „hot“ (by the way, what happened to that ‚hot‘ jazz category? Note to myself for a chapter on this). This opposition was, according to Epperson’sexcellent book More Important than the Music, most prominently held by French discographer and dixieland-enthusiast Hugues Panassié. To say the least, Panassié was a controversial figure. I mean, you wouldn’t expect someone who is most known for, and owes his Wikipedia-article mostly to, the fact that he did jazz discographies to have an entire chapter on that very article called Selected controversies (as of July 2019). Besides being that obnoxiously belligerent kind of journalist, Panassié was politically right-wing, far, far right. But he loved early jazz, which of course matches up to this weird kind of ‚positive racism‘, holding that ‚only blacks‘ can really create hot, swinging jazz – ‚real jazz‘, as Panassié puts it. It’s a kind of deranged and distorted concept of both love and, uhm, ‚primitiveness‘, something that Rousseau and his ‚natural state‘ might have subscribed to:

„Ironically, Panassié was a Bourbonist and an unabashed social elitist who was attracted to jazz primarily because he believed it represented a sharp break with the increasingly homologized, commercialized culture he thought Anglo-American democratic liberalism was imposing on French society.“

(Epperson 2013, 32f.)

The obnoxious line of argument is that only black musicians were really ‚primitive enough‘ to create that kind of ‚rhythmic hot jazz‘ Panassié happened to like. This went both ways: Panassié didn’t like to include white musicians in his ‚hot discographies‘, because white boys can’t jump – except for Milton „Mezz“ Mezzrow, that is, who happened to be an old personal friend of Panassié and about whom Epperson writes:

„The eccentric Mezzrow was Jewish, but he so deeply believed he shared the essence of the American black psyche that he considered himself black, identifying himself as „Negro“ on his passport and other documents.“

(Epperson 2013, 32)

And Panassié excluded any black musician from his discographies that dared to go beyond what Panassié deemed too schooled to fit his liking of ‚primitively‘ swinging dixieland. So some of the work by the likes of Charlie Parker, Miles Davis and Thelonious Monk didn’t make the cut of his 1950s „jazz“ discographies, because their music was either too ‚refined‘ (bop) and/or, god forbid, ‚cool‘ instead of hot. Panassié’s opinion was that these guys basically waste their (acknowledged) musical talent. Panassié’s idea that only black musicians really can play ‚jazz‘ is, if you look at the history, not exclusive to white right-wing fanatics, to put it diplomatically. Of course, nowadays the idea that bebop isn’t jazz seems absurd, but it’s sometimes informative to take a look at how and why some people try to establish categories and boundaries. Unsurprisingly, this ends up being about identity politics, but the identity Panassié had reserved for the producers of his beloved hot jazz was a pretty vile construct.