Toller Ausdruck der Woche: schulfüchsisch

Fundort: Irgendein Text aus dem späten 18. Jahrhundert

Schulfüchsisch, Adjektiv, im Kontext, soweit ich mich erinnere, höchst abwertend gemeint. Das DWDS hat für das Adjektiv keine Einträge, beschreibt aber einen Schulfuchs schlicht als einen Pedanten. Soziopolitischer wird’s im Grimmschen Wörterbuch, wo sich eine Zweitbedeutung findet, die das Wort so herleitet:

ein spott-wort, das die hoffärtigen studenten von denen gebraucht, die noch auf schulen sind, oder erst davon herkommen, welche keine studentische freyheit haben, sondern in ihr schul-loch als füchse kriechen, und im verborgenen stecken. Frisch 2, 231ᶜ.

Schulfuchs, Grimmsches Wörterbuch

Obige Bedeutung wird dann bei Adelung noch gestützt. Wie dem auch sei, der „Pedant“ scheint vorzugehen. Das Wort ging steil zu Anfang des 18. Jahrhunderts (laut DWDS) und sollte, klar, wieder eingeführt werden.

Toller Ausdruck der Woche: milzsüchtig

milzsüchtig (Adj.)

Fundort: irgendein/e Theatertext oder
-zeitschrift aus dem 18. Jahrhundert

Milzsüchtig heisst laut dem Duden einfach hypochondrisch, und war im Kontext, den ich vergessen habe, auch eindeutig als Beleidigung oder Abwertung gemeint. Hatte seine besten Tage – so jedenfalls das DWDS – im späten 18. Jahrhundert, ca. 1760–1780, was auch genau in den Zeitraum des Textes fällt, wo ich es entdeckt habe (das weiss ich, weil es einfach aus einem Riesenhaufen theoretischer, journalistischer und belletristischer Texte aus eben dieser Zeit ist, die ich letztes Jahr lesen musste – ich weiss einfach nicht mehr, wo genau). Das DWDS hat für das 21. Jahrhundert null Belege dazu gespeichert, für das 20. Jahrhundert gibt es von 1900 einen Beleg, und von wem? Genau, vom Meister der gewundenen und originellen Beleidigung, Karl Kraus in der Fackel.

Schaut man sich aber die frühen Belege im DWDS an, als0 1600–1900, sieht man schon an der Liste, dass der Ausdruck anfänglich eher neutral und für eine medizinische Befindlichkeit verwendet wurde, die sich an der Viersäftelehre zu orientieren scheint: die Milz ist dort ja für die Überproduktion der schwarzen Galle zuständig, also für melancholische, kränkliche Menschen. Später aber, im heissen Zeitraum des späten 18. Jahrhunderts, wandelt sich das Wort dann zusehends zur Abwertung von Hypochondern. Mir ist egal, welche Form wieder Verwendung finden soll, fände ein ernsthaftes #milzsüchtig bei schlechter Laune und grosser Schwermut aber sehr hübsch.

Kulturgeschichtlich ist vielleicht noch darauf hinzuweisen, dass das aus dem Griechischen entliehene Englische Wort für Milz spleen ist, welches dann wiederum Baudelaire für seine spezielle Art der Schwermut im Le Spleen de Paris benutzt hat – die Anglisierung wird in deutschen Baudelaire-Übersetzungen beibehalten (Pariser Spleen, der Spleen von Paris). Da wäre mit der guten alten Milzsucht (oder schweizerisch Milzsüchtigkeit) doch einiges mehr drin gelegen:

Die grosse Milzsucht.

Pariser Milzsucht.

Paris: Milzsüchtig.

Nach mir die Milzsucht.

Und so weiter.

Toller Ausdruck der Woche: Wippsterz

Wippsterz, der

Fundort: irgendeine Theaterzeitschrift des 18. Jahrhunderts

Wippsterz ist eine ältliche, vom Duden als „landschaftlich“ klassifizierte Form von Bachstelze. Im Kontext des Fundorts (habe vergessen wo genau) war es aber deutlich als Bezeichnung für einen dandyhaften Nervösling gemeint, diese Bedeutung findet sich lexikalisiert nur noch im Deutschen Wörterbuch von den Grimms:

übertragen verwendet für einen unruhigen, in steter bewegung befindlichen menschen, belege s. in den zu 2 angeführten wörterbüchern.

Gebildet wird das Wort aus „wippen“ und „Sterz“ (für Schwanz). Einige grossartige Varianten finden sich auch in Brehms Tierleben:

Haus-, Stein- oder Wasserstelze, Wege-, Wasser-, Quäk- und Wippsterz, Bebe-, Wedel- und Wippschwanz, Klosterfräulein oder Nonne, Ackermännchen etc.

Brehms Illustrirtes Thierleben (1866) im DWDS

Vorschlag: Wieder geläufig einführen für nervöse Zeitgenoss*innen. „Was für ein Wippsterz“, „Sei doch nicht so ein Wippsterz“ etc. Bitte in der nächsten Chat-Nachricht verwenden.

Toller Ausdruck der Woche: Etwas nachpetern

Quelle: ZVAB

Schreibt Bettine von Arnim in ihrem Buch Die Günderode (1840):

Du weißt, Du sagtest, der [ein Tiroler] hab ein Antlitz und kein Gesicht, ich fragte: was ist das, ein Antlitz? – Du belehrtest mich, das sei noch aus der Form Gottes, nach seinem Ebenbild geschaffen, aber Gesichter, die seien nur so nachgepetert, wo die Natur nicht hat wollen mit dabei sein und die Philister allein sich erzeugen lassen […].

Bettine von Arnim: Die Günderode. Leipzig: Insel 1983 [1840]. S. 267.

Etwas nachpetern: hier eindeutig im Sinne von „etwas nachlässig und minderwertig kopieren oder nachahmen“. Interessanterweise finden sich dafür überhaupt keine Belege, weder in geläufigen Wörterbüchern (Grimm, DWDS, Duden, Adelung), noch bei Lord Google. Eine Ableitung vom Englischen „to peter (out)“ (ausdünnen, auslaufen) ist natürlich denkbar, halte ich aber für unwahrscheinlich.

Toller Ausdruck der Woche: sintern

sintern (Verb):

eine feinkörnige, pulverförmige Masse aus Metallen oder keramischen Stoffen durch Erhitzen bis nahe an den Schmelzpunkt zusammenbacken und verfestigen

Beispiele:
Erze, Metalle, ein Gemisch von Kalk und Ton sintern
das Sintern des Zementklinkers bei Temperaturen um 1450° C [Urania1965]

⟨etw. sintert⟩

Beispiel:
Hier sintert das Material und bildet feste … Blöcke [Wissenschaft und Fortschritt1953]

Etymologie: Sinter m. durch Ablagerung aus fließendem Wasser entstandenes poröses Gestein, ahd. sintar ‘Metallschlacke’ (um 800), mhd. sinder, sinter ‘Abfall von bearbeitetem (glühendem) Metall, Metallschlacke’, asächs. sinder, mnd. sinder, sünder, mnl. sinder, nl. sinter, aengl. sinder, anord. sindr, schwed. sinter (germ. *sendra- m. n. ‘Schlacke’)

Quelle: Digitales Wörterbuch der Deutschen Sprache

Fundort: vergessen

Toller Ausdruck der Woche: Kraweel

Kraweel, das

Fundort: Ferien an der Ostsee

Das Kraweel ist ein tolles Wort und bezeichnet einen bestimmten Schiffstypus, der im Mittelalter aufkam. Sachgeschichte: Das Spezifikum dieses Schiffstypus ist der Kraweelbau (der es, Wortgeschichte, in den Duden geschafft hat, im Gegensatz zum Kraweel selbst), bei welchem die Planken „kraweel gebaut“ (Adverbialkonstruktion!) nebeneinanderliegen, nicht wie bei der Klinkerbauweise einander überlappen wie Dachziegel. Wortgeschichte: Das Kraweel, dessen bekannteste Ausformung die bekanntere Karavelle gleicher etymologischer Herkunft ist, ist von französisch caravelle von portugiesisch caravela von spätlateinisch carabus von griechisch κᾱ́ρβος (kā́rabos) abzuleiten, was ungefähr ‘kleines, leichtes Boot‘ zu bedeuten scheint.

Hier tut sich nochmal ein völlig anderer Eintrag auf, ein Vorläufer des Kraweels hiess nämlich Holk oder Hulk, bezeichnete anfangs ein leichtes, später ein grosses, schwerfälliges Schiff. Dies führte im Englischen zur Bedeutungsübertragung von hulk im Sinne von big, clumsy person. Der Comic-Charakter Hulk ist also nach einem Schiffstypus benannt.

Damit wäre die Sache hier normalerweise erledigt, allerdings muss man bei dem Wort Kraweel natürlich auch an Loriots Nummer aus dem Film Pappa ante Portas (1991) denken, in dem ein Gedicht vorgelesen wird, das inzwischen meistens mit “Krawehl!” oder “Kraweel!” betitelt wird, im Film aber Melusine heißt. Ich kannte den Sketch vor dem Schiffstypus und hatte keine Ahnung, dass es sich auch um ein tatsächliches Wort handelt.

In dem Sketch verliest der ältliche Dichter Lothar Frohwein (gespielt von Loriot), in Lederjacke und mit strähnigem, dünnem Haar sowie Schluckauf, folgendes Gedicht:

Melusine

Kraweel! Kraweel!
Taubtrüber Ginst am Musenhain!
Trübtauber Hain am Musenginst!
Kraweel! Kraweel!

Die tatsächliche Schreibweise (Kraweel oder Krawehl) ist mir unklar, auf das Drehbuch habe ich momentan keinen Zugriff (es scheint aber ein Verkaufsexemplar zu geben!). Auf Youtube findet man den Sketch eher geschrieben als Krawehl, in bildungsbürgerlicheren Kontexten (wie diesem Artikel aus Die Welt) wird die Schreibweise Kraweel bevorzugt (weil es das Wort nunmal gibt?). Das Sketch-Gedicht ist nicht nur Gegenstand diverser Loriot-Exegesen und komiktheoretischer literaturwissenschaftlicher Abfassungen (Tulzer 2011, Gerigk 2015), sondern wird auch im Netz rege diskutiert – unter anderem auf hohem Niveau, aber mit unterschiedlich ausgeprägtem Differenzierungsinteresse für den medialen Kontext des Gedichts. So zum Beispiel in dem Forum StackExchange: Wo die einen überzeugend nachweisen, dass das Gedicht textimmanent betrachtet durchaus interpretierbar ist (was die Filmparodie übrigens noch witziger macht), kommen die anderen und monieren, dass es aber doch in einem Film parodistisch als Nonsens gemeint, rein fiktional sei, und deswegen gar nichts bedeuten könne (bzw. dürfe); wo die einen auf die Autorintention Loriots (aber inkonsequenterweise nicht des fiktionalen Autors Frohwein) des Gedichts als Nonsens pochen, brennen die anderen wieder einmal die Wunderkerze von rein rezeptionsproduzierter Bedeutung ab (durch die klassische Anekdote, dass ja auch als Nonsens konzipierte oder aleatorisch generierte Texte von Rezipient*innen mit Sinn ausgestattet würden – das beweist natürlich im Umkehrschluss nicht, dass jedes hermetische Gedicht Nonsens ist, aber so it goes). Und dann gibt es in dem verlinkten Forum die üblichen Verdächtigen, die die Qualität der parodierten unverständlichen Avantgarde-Lyrik schlicht mit der Qualität von Lyrik an sich gleichsetzen. Na.

Schnell einig ist man sich hingegen, wenn es um die Dichte der Allusionen des Textes und seines fiktionalen Aufführungskontextes geht. Da ist zunächst einmal die Figur des Lothar Frohweins selbst, dessen Lederjacke und Frisur an Peter Handke erinnern muss, allerdings an einen Handke, dessen Haare 1991 einerseits noch deutlich frischer aussahen und der anderseits zu diesem Zeitpunkt die Lederjacke als gegenkulturelles Signal schon abgelegt hatte.

Ein zukünftiger, abgehalfterter Möchtegern-Handke also, der wieder auf jung und wild macht – das passt perfekt zu der von Loriot gespielten Figur. Wer möchte, kann auch noch Frohweins spitze Nase mit dem einprägsamen Exemplar Trakls in Verbindung setzen, was mich aber selbst nicht genug überzeugt hat, um hier den Bildvergleich anzustellen.

Dann ist da Frohweins Text, der in fünf Zeilen (und mit enorm hoher innerer Redundanz – gerade mal 9 Morphem-Typen auf 20 Tokens: Kraweel; Taub; Trüb; -er; am; Muse; -n; Hain; Ginst) ein enormes Allusionspotenzial erreicht (die Epigonalität von Frohwein gehört ja zum Witz):

“Mit der Thomas Mann-Anspielung, dem antikisierenden Hölderlin-Schlag und den frei lautmalenden Versen à la Gottfried Benn ist kein bestimmter Dichter gemeint, nicht einmal ein Gegenwartsliterat, höchstens das Dilemma des epigonalen Schreibens, das sich selbst seiner Komik nicht bewusst ist“ (Gerigk 2011, 2).

Gerigk (die sich übrigens im Zitat für “Krawehl” entscheidet und an anderer Stelle darauf hinweist, dass die Lautlichkeit von “Kra-WEEL” ja tatsächlich dem Schluckaufgeräusch ähnelt, das Frohwein beim Lesen befällt, vgl. Gerigk 2015, 441) vergisst dabei Georg Trakl, der es mit Musen, Hainen, Alliterationen und Melusinen (gleich zweimal) ja nun zur Genüge hatte. Aber was natürlich stimmt: Weder Trakl noch Handke werden hier als Einzelerscheinungen angegriffen (höchstens ein bisschen), Ziel der Parodie ist (u.a.) eher ihr medial produzierter und von Epigonen angewandter Gestus als Dichterfiguren einer überalterten Avantgarde überhaupt, der dann wiederum vom spiessbildungsbürgerlichen Publikum übermäßig sakralisiert wird.

Kraweel, Kraweel! Textimmanent, da sollte man dem/der User*in “michael” rechtgeben, ist das Gedicht durchaus so konstruiert, dass eine die Parodie auf bildungsbürgerlichen Lyrikkonsum stützende, satirische Spitze entsteht:

„Eine [sic] Kraweel ist ja ein mittelalterlicher Schiffstyp, der erste und der vierte Vers verstehen sich also als „Ein Schiff! Ein Schiff!“. Dann wird es zugegeben etwas dunkel – immerhin handelt es sich ja um eine Parodie besonders verstiegener, abgelegener Gedichte -, aber ‚Ginst‘ ist durchaus nicht bedeutungslos, sondern heißt, wenn mein Duden recht hat, ‚Reisig‘ oder ‚Gestrüpp‘. Der Musenhain ist keine häufige Formulierung, aber gemeint ist ein kleiner Garten, in dem man sich zur Diskussion von Dichtung und Kunst trifft, in dem sozusagen die „Musen“ leben. Der zweite und dritte Vers bedeuten also „Reisig, der vom Tau noch trüb ist [sic, taubtrüb, nicht tau-trüb], am Hain der Dichtung“. Das hat natürlich mit der Melusine und der Kraweel auf ersten Blick wenig zu tun.

Also: Es handelt sich natürlich um eine Parodie und um ein Nonsense-Gedicht, das zudem ja im Film abgebrochen wird [sic – diese Beobachtung ist so im Film nicht zu finden, das Gedicht könnte auch zu Ende sein]. Aber die einzelnen Elemente tragen alle Bedeutung und beziehen sich aufeinander – Melusine und Kraweel auf die Wasserfrau und ein Schiff -, – Ginst und der Musenhain auf einen Garten oder einen kleinen Wald. Vielleicht ist ein liebliches Ufer gemeint, auf das die [sic] Kraweel sich hinbewegt? Vielleicht, um die Melusine abzuholen? Aber das kann man nicht sicher sagen. Ziemlich sicher nur scheint mir, dass es sich „Kraweel“ schreibt und dass die Wörter nicht ausgedacht sind. Warum aber der ziemlich unbekannte Arno Schmidt-Herausgeber Ernst Krawehl gemeint sein soll – einmal von der lautlichen Namensähnlichkeit abgesehen – will mir überhaupt nicht einleuchten.“ –User michael

Noch einmal besten Dank an User*in „michael“ mit ihrem/seinem zu diesem Zeitpunkt (~2019) sechs Jahre alten Forumsbeitrag, den ich ergoogelt habe (sechster Treffer). Als Synthese, aus der filmexternen Perspektive: Melusine kann hier einfach die ganze, automatisch Bedeutungsschwangerschaft behauptende Obsession der romantischen und expressionistischen Lyrik mit Mythen und ihren Wassernixen aufrufen, das Kraweel-Schiff passt motivisch dazu – es kann aber nicht gut anlegen (also Bedeutung einholen), da der Ort der Lyrik (der Musenhain) von trübem und taubem, also langweiligem und bedeutunglosem, Gestrüpp überwuchert ist. Das passt als Kommentar zu der parodierten Art hermetischer (romantischer Hölderlin- und expressionistischer Trakl-)Lyrik. Dass Melusine natürlich diejenige Wassernixe ist, deren Geheimnis nicht gelüftet werden darf, und deren Betrachter bestraft wird, sobald er sie in ihrer wahren Gestalt sieht, versteht sich hier von selbst; das kann man gern poetologisch lesen: Entweder ist das die hermetische Lyrik selbst, die Schönheit an sich oder ein selbstreferentieller Kommentar auf die Witzstruktur, die Loriot hier präsentiert (also dass Witze nicht mehr witzig sind, wenn man sie erklärt und so ‚ihr Geheimnis lüftet‘ – wobei ich wie gesagt glaube, dass eine Interpretation des vermeintlichen Nonsens-Gedichts die Sache witziger macht. Funktioniert aber auch ohne, sonst wär’ es nicht gut. Noch ein meme-haftes Loriot-Zitat: „Bin dafür, bin dafür – muss aber nicht sein!“).

Kraweel! Es gäbe jetzt noch Einiges zu sagen, da sich die Komik der Szene ja nicht in den dargestellten Beobachtungen erschöpft, aber eigentlich ging es ja nur um das Wort für einen bestimmten kraweel gebauten Schiffstypus, was wir hiermit abgehandelt hätten.

Weitere tolle Namen für Schiffstypen: Balinger, Bardze, Busse, Ewer, Holk, Kogge, Kreyer, Pleyte, Schnigge/Schnicke, Schute (Wesski 1999, 104).

Quellen:

  • (Online-Einzelverweise in den Hyperlinks)
  • Bloomsbury (bloomsbury.com)
  • Die Welt (welt.de)
  • Digitales Wörterbuch der Deutschen Sprache (dwds.de)
  • Duden (duden.de)
  • Gerigk, Anja: Komische Kommunikation im Kontext von Medien und Hochkultur. Warum „Krawehl!“ genauso funktioniert wie „Hurz!“. In: Diekmannsnhenke, Hajo, Stefan Neuhaus u. Uta Schaffers (Hg.): Das Komische in der Kultur. Marburg: Tectum Verlag 2015, S. 433–448.
  • Gerigk, Anja: Ein Genre, eine Philosophie. In: Medienobservationen (2011). URL: https://www.medienobservationen.de/2011/gerigk-loriot-ein-genre/
  • Omnia (omnia.ie)
  • Online Etymology Dictionary (etymonline.com)
  • StackExchange (stackexchange.com)
  • Textlog (textlog.de)
  • Tulzer, Friedrich: Loriot, der Dichter. Stuttgart: Heinz 2012.
  • Wesski, Tim: Fiktion oder Realität. Anmerkungen zum archäologischen Nachweis spätmittelalterlicher Schiffsbezeichnungen. In: Skyllis. Zeitschrift für Unterwasserarchäologie 2 (1999), H. 2, S. 96–106. URL: http://www.deguwa.org/documents/SKYLLIS_1999_2.Weski1.pdf
  • Wikipedia (wikipedia.de)
  • Wiktionary (wiktionary.org)

Nachtrag Juli 2019:

Jemand hat mich auf das Buch Loriot – Gesammelte Prosa hingewiesen, in der das Gedicht ebenfalls seinen Auftritt hat. Dort wird die Variante Kraweel verwendet, womit ich diese folglich als die korrekte, oder zumindest kanonische, bezeichnen kann:

Loriot: Gesammelte Prosa. Hg. v. Daniel Keel. Zürich: Diogenes 2006.

Toller Ausdruck der Woche: Entsatz

Entsatz

Fundort: Zauberberg, Thomas Mann

1) liberatio ab obsidione, suppetiae, nnl. ontzet: unterdes kam der hohmeister und der pfalzgrafe beim Rhein den belagerten zum entsatz.
2) horror, entsetzen

Quelle: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm

1) Befreiung belagerter oder eingeschlossener Truppen
2) die befreiende Truppe
Etymologie: entsetzen Vb. ‘erschrecken, aus Umzingelung befreien, eines Amtes entheben’ schließt an die reiche Bedeutungsentwicklung des Verbs im Mhd. an.

Quelle: Digitales Wörterbuch der deutschen Sprache

Toller Ausdruck der Woche: Geiste (Pl.)

Geiste, als Plural von Geist. Heute nur noch üblich für die Wortbedeutung von Geist im Sinne von Branntwein.

Geiste, glaubt man dem entsprechenden Eintrag in der Digitalversion des Grimm’schen Wörterbuchs, ist tatsächlich der ältere (und deshalb lange Zeit korrektere) Plural für alle Bedeutungen von Geist:

der heutige plur. geister tritt schon mhd. einzeln auf (wb. 1, 496ᵃ, Lex. 1, 798), z. b.:

Bei genauer Betrachtung fällt auch auf, dass die Pluralendung -er ohne Umlaut für maskuline Wörter im Deutschen fast nie vorkommt. Nota bene: maskuline Wörter, die schon im Singular auf -er enden, also Lehrer, Schüler, Meister o.ä., haben im Plural eine Nullendung (ø) – das -er wird nicht für den Plural angefügt, es ist im Singular ja schon da. Mit Umlaut ist das -er-Suffix im Plural relativ häufig: Mann / Männ-er, etcetera.

Tatsächlich scheint Geister in Analogie zum -er-Plural von Neutrumwörtern, die auch auf einen Konsonant enden, gebildet worden zu sein. Dieser Plural kommt relativ häufig vor: das Kind, die Kind-er; das Kleid, die Kleid-er. Das ist aber eine Spekulation meinerseits.

Die beiden Plurale Geister und Geiste haben offenbar schon relativ früh und dann sehr lange nebeneinander existiert. Ich konnte nicht feststellen, wann sich festgesetzt hat, dass Geiste als Plural nur noch für eine bestimmte Wortbedeutung von Geist verwendet wird. Wer hat das zu verantworten? Hat das irgendein Grammatiker entschieden? Wann? Grammatikhistoriker*innen bitte vor!

Aber schön zu erfahren: der heutzutage eigenartig klingende Plural Geiste war wohl ursprünglich der eigentliche und „regelmäßigere“:

der regelrechte mhd. pl. geiste hält sich auch nhd. noch neben geister

Wir merken uns:

Nicht (mehr) korrekt: Die Geiste, die ich rief.
Korrekt: Die Geiste, die ich trank.

Toller Ausdruck der Woche: Wie Bolle

Wie Bolle

Fundort: Persönliches Gespräch

Das ist ein wirklich sehr hübscher Ausdruck. Die eher langweiligen Fakten betreffen seine Herkunft: Offenbar stammt der Ausdruck zweifelsfrei aus dem Volkslied „Bolle reiste jüngst zu Pfingsten“, das um die Jahrhundertwende (1900) entstand und in den 1920ern Verbreitung fand und beliebt wurde. In dem Volkslied tritt eine kernige Figur mit dem Spitznamen Bolle auf (berlinisch für Zwiebel, vgl. auch Zibolle), die sich durch keinen Schicksalsschlag kleinkriegen lässt, sondern sich entgegen widrigster Umstände freut. Ein wenig erinnert dieser Bolle an den biblischen Hiob, minus Selbstwahrnehmung. Bolle wird zum Beispiel verprügelt, aber er freut sich – wie Bolle eben.

Heute hat sich offenbar die Vorstellung durchgesetzt, dass der Ausdruck typischerweise in zwei Wendungen vorkommt, einmal als „sich freuen wie Bolle“, dann auch als „frech/stolz sein wie Bolle“ – beide Male hat er die Funktion einer Intensitätspartikel (wie „sehr“ oder „hammer“). Tatsächlich wird er aber offenbar seit seiner Entstehung nicht nur für Freude, Stolz und Frechheit verwendet, sondern kann für jede Art der Intensivierung verwendet werden. Dies lässt sich im DWDS ausgerechnet mit einem Beispiel aus dem Nazi-Propagandaroman Der Hitlerjunge Quex (1932) belegen: „Die Säge war scharf wie Bolle!“. Die Zielgruppe des Romans war die Hitlerjugend, woraus man immerhin ersehen kann, dass der im Erscheinungsjahr 1932 bereits sechsundvierzigjährige Verfasser Karl Aloys Schenzinger den Ausdruck „wie Bolle“ als hammerderb krasse Jugendsprache empfunden haben muss.

Eine weitere populäre Variation der Wendung lautet „sich wie Bolle auf den Milchwagen freuen“ – im DWDS etwa für 1925 beim werten Kurt Tucholsky belegt: „Ick amüsier mir wie Bolle uffn Milchwagen und wünsche, es möge nie, nie aufhören“. Dies bezieht sich auf die sogenannten Bolle-Milchwagen der Meierei C. Bolle des Unternehmers Carl Andreas Julius Bolle, die zur gleichen Zeit wie das Entstehen des Volksliedes durch Berlin kurvten. Es handelt sich hier aber offenbar um eine Zusammenlegung der beiden zufällig räumlich und zeitlich kontig auftretenden „Bolle“-Verwendungen. Vor allem der Wikipedia-Artikel weist darauf in untypischer Manier nachgerade aggressiv hin: „Es gibt weder eine Beziehung zum Berliner Großkaufmann Carl Bolle noch zum Brandenburger Frisör Fritze Bollmann.“

Und, wo wir dabei sind, hier das Highlight aus der Diskussionsabteilung des Wikipedia-Artikels. Offenbar schlug jemand vor, dass „Scotland the Brave“ musikalische Elemente von Bolle enthält:

 == Schottische Nationalhymne in der JBO Version ==
…da kommt’s raus: die wikipedia-hengste hören alle jbo. das erklärt einiges. (“nicht [[Hilfe:Signatur|signierter]] Beitrag von“ [[Spezial:Beiträge/79.253.52.137|79.253.52.137]] ([[Benutzer Diskussion:79.253.52.137|Diskussion]]) 02:23, 17. Mai 2010 (CEST))

Daydreamer90 kann diese „beim besten Willen nicht heraushören“ und hält die Tatsache für nicht relevant.
Dabei ist die schottische Nationalhymne in leicht abgeänderter Version der Hauptbestandteil des Liedes. Es beginnt sogar damit.–[[Benutzer:Miko007|Miko007]] 04:06, 4. Mär. 2008 (CET)
: Damit keine Missverständnisse auftretet, möchte ich anfügen dass es sich um „Scotland the brave“ handelt, da Schottland ja 3-inofizielle Hymnen sein eigen nennen zu pflegt ;-)–[[Benutzer:Miko007|Miko007]] 04:20, 4. Mär. 2008 (CET)
Ich hab mir wie gesagt alle 3 angehört, also auch Scottland the brave, und kann des nicht mit einer der vielen Bolle-Versionen identifizieren, die auf meinen CDs sind. –[[Benutzer:Daydreamer90|Daydreamer90]] 21:03, 4. Mär. 2008 (CET)

Dito, von persönlichem Empfinden bedarf es einer fachlich fundierten Quelle für diesen Vergleich. Ansonsten als TF abzulehnen. Bolle ist ne volkstümliche Melodie, samt entsprechender 5 Ton Klangfolge. Mag sein, daß Ähnliches auch in Schottland komponiert wurde, Identität ist zumindest bis jetzt aber nicht nachgewiesen.[[Benutzer:-OS-|Oliver S.Y.]] 23:27, 4. Mär. 2008 (CET)
:Also wenn das Intro von [http://de.youtube.com/watch?v=dE_YRZ2CDj8 diesem] Lied nicht mit [http://de.youtube.com/watch?v=LvQvw3e3JEY diesem] übereinstimmt, dann stimmt auch irgendwas mit euren Gehörgängen nicht. Dazu bedarf es keiner Fachkundigen Quelle, das hört ein blinder mit Krückstock heraus.–[[Benutzer:Miko007|Miko007]] 02:48, 5. Mär. 2008 (CET)

OK, kürzen wir ab. JBO singt nicht das Lied, um das es hier geht, sondern hat etwas eigenes aus den beiden Melodien und einem neuen Text geschaffen. Kann nur am Liedanfang paar Töne der schottischen Melodie hören, die aber offensichtlich nicht ins komplette Lied integriert wurde. Denke, somit muß der Hinweis auf die Gruppe entfernt werden, da die Bedeutung der Gruppe für die Liedgeschichte nicht ausreicht.[[Benutzer:-OS-|Oliver S.Y.]] 06:29, 5. Mär. 2008 (CET)

 

Küchengespräch: Lachsforelle

Frage:

Ist eine Lachsforelle eine lachsige Forelle oder ein forelliger Lachs?

Vgl: Toller Ausdruck der Woche, 22. April 2018

            Eine Forelle, oder? Die Lachsforelle heisst verblüffenderweise auch Anke. Enttäuschung machte sich breit, als wir erfuhren, dass es sich bei der Lachsforelle nicht einmal um eine eigene Art handelt, sondern um eine Bezeichnung, die gleich für zwei verschiedene Forellenarten zur Anwendungen kommen kann, deren Fleisch durch eine bestimmte, karotinoid-haltige Nahrung Lachsfarbe annimmt. Gemeint sind die schnöde Regenbogenforelle und die immerhin etwas apartere Meerforelle.

Quelle: https://de.wikipedia.org/wiki/Lachsforelle

Resultat:

Gelernt haben wir eigentlich nur, dass Forellen zur Gruppe der Lachsfische gehören, aber das wissen bestimmt alle anderen schon. Weitere Chancen der Wissensanwendungen bestehen darin, hinkünftig konsequent Anke statt Lachsforelle zu benutzen. Beispiele:

„Nehmt ihr auch die Anke? Die Anke soll hier besonders gut sein.“

„Oh, die Anke sieht heute aber lecker aus.“

„Ist die Anke eigentlich eine lachsige Forelle oder ein forelliger Lachs?“