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  • blechtram 12:31 pm am May 14, 2020 Permalink | Antworten
    Tags: Elio Pellin, Hermann Burger, Pluralis sanitatis,   

    Toller Ausdruck der Woche: Pluralis sanitatis 

    Fundort: Burger, Hermann: Die künstliche Mutter.
    Frankfurt/M.: Fischer 1982. S. 166.

    Pluralis sanitatis, also die Verwendung der ersten Person Plural in Sätzen wie „Wie geht es uns denn heute?“ oder „Hatten wir Stuhlgang?“ – toll, habe ich zuerst bei Hermann Burger gesehen und ihm automatisch auch sofort die Urheberschaft zugeschrieben, da es zu seinen anderen poeto-grammatischen Spielereien passt, etwa den konjunktivischen Substantiven („Töd“ als möglicherweise eintretender Tod in Schilten und derlei).

    Ich wurde belehrt: Das scheint ein bekanntes linguistisches Konzept zu sein, ganz analog dem bekannteren Pluralis majestatis. Der Duden beschreibt ihn auch als „Krankenschwesternplural„, erwähnt dazu noch den Pluralis modestiae, wenn jemand „wir“ statt „ich“ sagt, um die eigene Person etwas zurückzunehmen – ungefähr, wenn eine Politikerin eine Stichwahl gewinnt und dann „Wir waren von Anfang an zuversichtlich und haben das jetzt geschafft“ sagt.

    Der Pluralis modestiae wird oft mit dem Pluralis auctoris ungefähr gleichgesetzt. Das ist die im Deutschen langsam aussterbende Angewohnheit, „wir“ in (vor allem) akademischen Texten zu verwenden („In diesem Kapitel werden wir zeigen“, „Damit wären wir am Schluss unserer Ausführungen“), die sich im Französischen meiner Erfahrung nach aber noch beinahe selbstverständlicher Verwendung erfreut…

    Daran angelehnt gibt es noch einen Pluralis societatis, wie mir der dritte Teil des Buches Sprachgeschichte (Hg. Werner Besch, Anne Betten, Oskar Reichmann, Stefan Sonderegger) mitteilt. Das ist, wenn eine Rednerin oder Autorin bei ihren Ausführungen das Publikum mit einbezieht. Das Buch benennt darüber hinaus auch den Pluralis reverentiae, 2. Person Plural („Eure Majestät“).

    Ich bin neulich wieder auf diesen Plural gestossen, in Elio Pellins verspieltem Kurzroman Der Himmel als Abgrund über euch. Pellin fügt den genannten noch eine weitere Mehrzahl hinzu, den Pluralis praegnationis (13. Kapitel):

    Link zur Blog-Version des Romans

    Das ist eine Neuschöpfung, soweit ich sehe, und es geht ungefähr darum, ob die hier sprechende Salomé von Erlach, da sie schwanger ist, mit grösserer Berechtigung einen der anderen hier disktuierten Plurale verwendet.

    Wie dem auch sei: Pluralis sanitatis, wunderbar, nicht von Burger erfunden und auch nicht der einzige kuriose Plural.

     
  • blechtram 1:06 pm am April 5, 2020 Permalink | Antworten
    Tags: , ,   

    Toller Ausdruck der Woche: Arrieregarde – Nachtrag! 

    In diesem Beitrag hatte ich mich sehr darüber gewundert, warum für Avantgarde die metaphorische (kultur- und kunstprogressive) Bedeutungsvariante im Duden lexikalisiert ist, während dies für Arrieregarde nicht der Fall ist, obwohl ein Blick in ein DWDS-Korpus zeigt, dass im 20. Jahrhundert auch hier eigentlich nur die metaphorische (kultur- und kunstregressive) Bedeutung verbucht ist.

    Deshalb habe ich beim Institut für Deutsche Sprache (IDS) nachgefragt. Und tatsächlich, nicht einmal vier Tage später kam die erlösende Antwort. Klar, sie ist so allgemein wie die Frage, aber trotzdem: Das ist sprachbenutzer*innenorientierter Service, ich bin baff. Zehn von zehn Punkten für das IDS. Hier die Antwort:

     
  • blechtram 9:45 am am March 5, 2020 Permalink | Antworten
    Tags: , , ,   

    Toller Ausdruck der Woche: Arrieregarde 

    Fundort: Bettine von Arnim: Die Günderode

    Der Ausdruck bezeichnet bei Bettine von Arnim natürlich noch im ursprünglichen Wortgebrauch eine militärische Nachhut, denn arrière-garde ist natürlich das Gegenstück zur avant-garde, der Vorhut. Dass die Avantgarde (jedenfalls das Wort) ihre militärischen Wurzeln irgendwann zugunsten einer „kulturprogressiven“ Kampfmetapher verloren hat, ist bekannt:

    Auf die Kunst übertragen wurde das Wort im Saint-Simonismus. Der früheste Beleg für den Künstler als Avantgarde an der Spitze einer sozialen Bewegung findet sich bei Olinde Rodrigues, einem Jünger Saint-Simons, in dem Dialog ‚L’Artiste, le Savant et l’Industriel‘ (1825). In der deutschen kunstkritischen und -wissenschaftlichen Diskussion gibt es das Wort seit der Jahrhundertwende.

    (Jäger, Georg: Avantgarde. In: Reallexikon der deutschen Literaturwissenschaft. Bd. 1. Hg. v. Klaus Weimar. Berlin 2007, 183–187, hier 184.)

    Dass die Arrieregarde (again: das Wort) eine ähnliche Karriere gemacht hat, liegt weniger auf der Hand und sie tat es auch erst im Nachtrab zu der Bedeutungsentwicklung der Avantgarde. Offenbar war eine Fortschrittsmetapher im Kulturdiskurs früh gewollt, während ein künstlerisches Nachhinken nie die gleiche begriffliche Dringlichkeit genoss. Naja.

    Besonders gut untersuchen lässt sich der Wortwandel im Digitalen Wörterbuch der Deutschen Sprache auf die Schnelle nicht, aber soviel lässt sich mal sagen: Im älteren Korpus findet sich „Arriere-Garde“ (man beachte für die Schlagwortsuche den Bindestrich) mit einigen Belegen, sämtlich aus dem 18. Jahrhundert, sämtlich in militärischer Grundbedeutung. Im jüngeren Korpus finden sich einige Belege für die Schreibweise „Arrieregarde“, sämtlich für das 20. Jahrhundert, sämtlich als Kulturmetaphern.

    Im Duden ist Avantgarde als Metapher in erster Wortbedeutung lexikalisiert, das heisst, die Metapher wird dort als die derzeit massgebliche Bedeutung ausgewiesen (als „Gruppe von Vorkämpfern einer geistigen Entwicklung„). Das ist für Arrieregarde nicht der Fall, notiert wird dies im Duden als „Nachhut, Militär veraltet„. Der kurze Scan des DWDS (keine zuverlässige Basis für eine Schlussfolgerung, aber eine gute Ausgangslage für eine Anschlussfrage) legt aber nahe, dass Arrieregarde, wenn auch nicht so populär wie Avantgarde, im Deutschen nicht mehr, oder zumindest nur zweitrangig, in seiner militärischen Bedeutung verwendet wird.

    Das wirft eigentlich vor allem eine Frage auf: Ab wann und unter welchen Umständen werden im Duden metaphorische Bedeutungswandlungen lexikalisiert? Wer entscheidet das aufgrund welcher Daten? Ich frag mal nach.

     
  • blechtram 4:31 pm am January 5, 2020 Permalink | Antworten
    Tags: Johann Christian Krüger, , , schwarz,   

    Toller Ausdruck der Woche: Jemandem nicht sagen können, wie schwarz aussieht 

    Fundort: Sonnenfels, Joseph von: Briefe über die wienerische Schaubühne. Brief vom 11. Juny 1768.

    Der Ausdruck bedeutet ungefähr: Etwas nicht erklären oder beschreiben können, das eigentlich ganz offensichtlich und einfach zu sein scheint. Sonnenfels hat das nicht selbst erfunden, seine eigene Quellenangabe führt zu einem einigermassen zeitgenössischen Stück von Johann Christian Krüger (1723–1750), Der blinde Ehemann (genaues Datum unbekannt), in dem ein gewisser Crispin buchstäblich daran scheitert, die Farbe schwarz beschreiben zu können.

    Krüger, Johann Christian: Der blinde Ehemann, erster Aufzug, erster Auftritt.

    Ein recht alltägliches Stück Epistemologie, aber immerhin praktisch für schnoddrig-ärgerliche, unsympathische Abwürgungen von Unterhaltungen: „Ich kann dir halt nicht erklären, wie schwarz aussieht!“

     
  • blechtram 2:48 pm am November 24, 2019 Permalink | Antworten
    Tags: Catherine Ribeiro, Dennis Diderot, Johann Wolfgang von Goethe, Kotseele,   

    Toller Ausdruck der Woche: Kotseele 

    Fundort: irgendwo bei Herder (1778)

    Schöner Ausdruck, mit dem man im 18. Jahrhundert einander beflegelt hat. Bedeutet ungefähr das, was man aus Kot und Seele selbstständig rekonstruieren kann:

    für einen ehrlosen, schändlichen Menschen

    Goethe-Wörterbuch online

    Das Wort scheint aber nicht sehr häufig gewesen zu sein: Meine Fundstelle bei Herder kann ich nicht mehr genau finden, aber das Goethe-Wörterbuch bietet nur einen Beleg bei Diderots Rameaus Neffe – also einer Übersetzung aus dem Französischen – und das Deutsche Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm bietet überhaupt nur einen Treffer unter Kothseele bei Lavater.

    Immerhin, dank dieses Ausdrucks, der im Original bei Diderot offenbar âme de boue lautete, verstehe ich jetzt überhaupt erst das Wortspiel im Titel Âme debout der französischen Hippie-Folk-Prog-band Catherine Ribeiro + Alpes von 1971. Das ist vernetztes Lernen.

     
  • blechtram 9:03 am am November 14, 2019 Permalink | Antworten
    Tags: Fermenta cognitionis, Gotthold Ephraim Lessing, ,   

    Toller Ausdruck der Woche: Fermenta cognitionis 

    Fundort: Lessing, Gotthold Ephraim: Hamburgische Dramaturgie. Stuttgart: Reclam 2013. S. 480.

    Endlich mal ein toller Ausdruck mit vollständiger Quellenangabe. Lessing benutzt ihn im 95. Stück seiner Hamburgischen Dramaturgie – und Überraschung, offenbar ist das eine Eigenprägung. Ich habe es jedenfalls nirgends sonst gefunden, für mich klang das sehr nach irgendeinem Lessingvorbild. Wird im Deutschen übersetzt mit „Gärstoffe der Erkenntnis“, was nach Jauchegrube klingt. Lessing wusste schon, was er da tat.

     
  • blechtram 11:42 am am October 18, 2019 Permalink | Antworten
    Tags: Beflegelung,   

    Toller Ausdruck der Woche: Beflegelung 

    Beflegelung, die

    Fundort: in der Studie: Wendler, Anton Wilhelm: Der Wiener Journalismus der Josephinischen Epoche und seine Stellungnahme zu den Problemen der dramatischen Literatur und des Theaters (unter besonderer Berücksichtigung der publizistischen Tätigkeit Johann Friedrich Schinks in Wien). Diss. Wien 1958.

    Eine Beflegelung ist eine wüste Beschimpfung, auch als Verb verfügbar: jemanden beflegeln. Ein Superwort. Ich habe nicht notiert, ob es in Wendlers Studie von ihm selbst oder als Zitat aus josephinischer Zeit vorkam. Die Befunde aus dem DWDS (drei Belege bei Tucholsky) legen aber nahe, dass Wendler das Wort selbst verwendet, weil das Wort im DWDS-Korpus nur fürs frühmittige 20. Jahrhundert, nicht fürs 18., überhaupt belegt ist. Tolles Wort, ab sofort werden Leute wieder beflegelt, nicht beschimpft oder beleidigt.

     
  • blechtram 8:35 pm am October 2, 2019 Permalink | Antworten
    Tags: Der Hafen der Unsterblichkeit, , Katachrese,   

    Toller Ausdruck der Woche: Das Gebirg der Schwierigkeiten hinansteigen, um in den Hafen der Unsterblichkeit einzulaufen 

    Fundort: Sonnenfels, Joseph von: Fünftes Stück. Siebentes Schreiben. Wien: den 25. Jäner 1768. In: Briefe über die wienerische Schaubühne. Wien: Kurtzböck 1768. S. 90.

    Diese Unrichtigkeiten des poetischen sowohl als prosaischen Ausdruks werden eigentlich dadurch begangen, daß der Schriftsteller die angefangene Allegorie fahren läßt, und sich unvermerkt in eine andre verlieret; […] wenn er das Gebirg der Schwierigkeiten hinansteigt, um in Hafen der Unsterblichkeit einzulaufen […].

    Klar, Sonnenfels beschreibt hier einen rhetorischen Lapsus, wenn zwei nicht zusammengehörende metaphorische Wendungen verknüpft werden. Das kommt – sowohl als absichtliches Stilmittel wie auch als schlichter Fehler – sehr häufig vor und nennt sich im Jargon Katachrese. Sein Beispiel mit Gebirg und Hafen finde ich aber witzig, weil es sich ja genauso anfühlt, wenn man gerade irgendein Gebirg der Schwierigkeiten hochkraxelt und sich irgendwann fragt: Wofür mache ich das eigentlich? Ist da oben etwa der Hafen der Unsterblichkeit, oder was!? Also, bitte einführen in die Alltagssprache, danke.

     
  • blechtram 11:15 am am September 2, 2019 Permalink | Antworten
    Tags: Flitterwitz,   

    Toller Ausdruck der Woche: Flitterwitz 

    Fundort: Sonnenfels, Joseph von: Erstes Schreiben, Wien den 27. Wintermonds 1767. In: Briefe über die wienerische Schaubühne. Wien: Kurtzböck 1768. S. 17.

    Ich befinde mich in dem Lande der Wunderwerke. Ein ernsthaftes Singspiel ohne Kastraten / — eine Musik ohne Solfezieren / oder wie ich es lieber nennen möchte, Gurgeley — ein wälsches Gedicht ohne Schwulst und Flitterwitz _ mit diesem dreyfachen Wunderderwerke [sic] ist die Schaubühne nächst der Burg wieder eröffnet worden.

    Flitterwitz: Es wird aus dem Kontext recht klar, und auch das DWDS verweist nur auf den prägnanten Eintrag des Grimm’schen Wörterbuchs:

    glänzender witz ohne gehalt.

    Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm

    Da es noch andere Komposita mit „Flitter-“ gibt (Flitterwelt, Flitterwesen, noch bekannt: Flitterwochen), lohnt es sich, an dieser Stelle auf die Bedeutung von Flitter hinzuweisen:

    auf Modewaren aufgenähte glänzende, schillernde Metallblättchen, die als Schmuck dienen

    Digitales Wörterbuch Deutscher Sprache

    Das steht also eindeutig in einem direkten Zusammenhang mit dem heute noch geläufigeren Glitter, aber das können Sie selbst recherchieren. Flitterwitz will ich jedenfalls demnächst wieder einmal in einer Theaterkritik lesen.

     
  • blechtram 4:06 pm am August 21, 2019 Permalink | Antworten
    Tags: Bravi, Das Toupet haben, , Toupet   

    Toller Ausdruck der Woche: Das Toupet haben, etwas zu tun 

    Fundort: Vergessen, klingt aber 100% nach Robert Walser

    Das Toupet haben, etwas zu tun: im Sinne von Die Frechheit besitzen oder den Nerv haben. Das ist einfach eine direkte Übersetzung der geläufigen idiomatischen Wendung aus dem Französischen, avoir du toupet, weswegen ich mir noch sicherer bin, dass ich das bei Robert Walser herausnotiert habe.

    Das ist auch auf Deutsch einfach ein toller Ausdruck. Die Herkunft im Französischen scheint laut dieses Artikels von Cnews darin zu liegen, dass sich gedungene Mörder, genannt Bravi, im franco- und norditalienischen Raum offenbar als Markenzeichen einen dicken Haarschopf über die Stirn wachsen liessen, ein „Toupet“ bzw. „Zuffo“. Die hatten also ganz schön Chuzpe. Hier noch ein Zitat aus dem italienischen Wikipedia-Artikel:

    Una caratteristica dei bravi frequentemente riportata nelle gride milanesi contro di loro è quella di tenere i capelli lunghi con un ciuffo („zuffo“) sopra la fronte che veniva fatto ricadere per nascondere il volto e non essere riconoscibili.

    Schade, dass sich auch diese Herleitung als blutrünstig erweist, aber das ist ja oft so bei diesen Wendungen. Eher erwartet hatte ich eine französische Hofadelsanekdote von, aus der Epoche, sagen wir, Louis XVI., in der ein Adliger mit einem besonders ‚verwegenem‘ Toupet auftrumpft, dessen Auffälligkeit unterstreicht, dass er sich dessen nicht schämt. Oder etwas in die Richtung.

     
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