Kotseele

Fundort: irgendwo bei Herder (1778)

Schöner Ausdruck, mit dem man im 18. Jahrhundert einander beflegelt hat. Bedeutet ungefähr das, was man aus Kot und Seele selbstständig rekonstruieren kann:

für einen ehrlosen, schändlichen Menschen

Goethe-Wörterbuch online

Das Wort scheint aber nicht sehr häufig gewesen zu sein: Meine Fundstelle bei Herder kann ich nicht mehr genau finden, aber das Goethe-Wörterbuch bietet nur einen Beleg bei Diderots Rameaus Neffe – also einer Übersetzung aus dem Französischen – und das Deutsche Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm bietet überhaupt nur einen Treffer unter Kothseele bei Lavater.

Immerhin, dank dieses Ausdrucks, der im Original bei Diderot offenbar âme de boue lautete, verstehe ich jetzt überhaupt erst das Wortspiel im Titel Âme debout der französischen Hippie-Folk-Prog-band Catherine Ribeiro + Alpes von 1971. Das ist vernetztes Lernen.

Fermenta cognitionis

Fundort: Lessing, Gotthold Ephraim: Hamburgische Dramaturgie. Stuttgart: Reclam 2013. S. 480.

Endlich mal ein toller Ausdruck mit vollständiger Quellenangabe. Lessing benutzt ihn im 95. Stück seiner Hamburgischen Dramaturgie – und Überraschung, offenbar ist das eine Eigenprägung. Ich habe es jedenfalls nirgends sonst gefunden, für mich klang das sehr nach irgendeinem Lessingvorbild. Wird im Deutschen übersetzt mit „Gärstoffe der Erkenntnis“, was nach Jauchegrube klingt. Lessing wusste schon, was er da tat.

Tinder vs. Kinder

Euripides: Alkestis. Leipzig: Reclam 1926. S. 44.

Nichts gegen Frakturschrift, aber Euripides‘ Tragödie Alkestis wird besser, wenn man hier „tinderlos“ statt „kinderlos“ liest.

Das Gebirg der Schwierigkeiten hinansteigen, um in den Hafen der Unsterblichkeit einzulaufen

Fundort: Sonnenfels, Joseph von: Fünftes Stück. Siebentes Schreiben. Wien: den 25. Jäner 1768. In: Briefe über die wienerische Schaubühne. Wien: Kurtzböck 1768. S. 90.

Diese Unrichtigkeiten des poetischen sowohl als prosaischen Ausdruks werden eigentlich dadurch begangen, daß der Schriftsteller die angefangene Allegorie fahren läßt, und sich unvermerkt in eine andre verlieret; […] wenn er das Gebirg der Schwierigkeiten hinansteigt, um in Hafen der Unsterblichkeit einzulaufen […].

Klar, Sonnenfels beschreibt hier einen rhetorischen Lapsus, wenn zwei nicht zusammengehörende metaphorische Wendungen verknüpft werden. Das kommt – sowohl als absichtliches Stilmittel wie auch als schlichter Fehler – sehr häufig vor und nennt sich im Jargon Katachrese. Sein Beispiel mit Gebirg und Hafen finde ich aber witzig, weil es sich ja genauso anfühlt, wenn man gerade irgendein Gebirg der Schwierigkeiten hochkraxelt und sich irgendwann fragt: Wofür mache ich das eigentlich? Ist da oben etwa der Hafen der Unsterblichkeit, oder was!? Also, bitte einführen in die Alltagssprache, danke.

Flitterwitz

Fundort: Sonnenfels, Joseph von: Erstes Schreiben, Wien den 27. Wintermonds 1767. In: Briefe über die wienerische Schaubühne. Wien: Kurtzböck 1768. S. 17.

Ich befinde mich in dem Lande der Wunderwerke. Ein ernsthaftes Singspiel ohne Kastraten / — eine Musik ohne Solfezieren / oder wie ich es lieber nennen möchte, Gurgeley — ein wälsches Gedicht ohne Schwulst und Flitterwitz _ mit diesem dreyfachen Wunderderwerke [sic] ist die Schaubühne nächst der Burg wieder eröffnet worden.

Flitterwitz: Es wird aus dem Kontext recht klar, und auch das DWDS verweist nur auf den prägnanten Eintrag des Grimm’schen Wörterbuchs:

glänzender witz ohne gehalt.

Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm

Da es noch andere Komposita mit „Flitter-“ gibt (Flitterwelt, Flitterwesen, noch bekannt: Flitterwochen), lohnt es sich, an dieser Stelle auf die Bedeutung von Flitter hinzuweisen:

auf Modewaren aufgenähte glänzende, schillernde Metallblättchen, die als Schmuck dienen

Digitales Wörterbuch Deutscher Sprache

Das steht also eindeutig in einem direkten Zusammenhang mit dem heute noch geläufigeren Glitter, aber das können Sie selbst recherchieren. Flitterwitz will ich jedenfalls demnächst wieder einmal in einer Theaterkritik lesen.

Niklaus Meienberg vs. Abitur

Meienberg, Niklaus: Stille Tage in Chur [1974]. In: Meienberg, Niklaus: Reportagen aus der Schweiz. Zürich: Ex Libris 1979, 61.

Ist mir nie aufgefallen, und ich finde es auch kulturanalytisch nicht ganz so schlimm wie Niklaus Meienberg, aber verblüffend ist es allemal, dass dort, wo in Österreich und der Schweiz ‚gereift‘, in Deutschland ‚weggegangen‘ wird.

Das Toupet haben, etwas zu tun

Fundort: Vergessen, klingt aber 100% nach Robert Walser

Das Toupet haben, etwas zu tun: im Sinne von Die Frechheit besitzen oder den Nerv haben. Das ist einfach eine direkte Übersetzung der geläufigen idiomatischen Wendung aus dem Französischen, avoir du toupet, weswegen ich mir noch sicherer bin, dass ich das bei Robert Walser herausnotiert habe.

Das ist auch auf Deutsch einfach ein toller Ausdruck. Die Herkunft im Französischen scheint laut dieses Artikels von Cnews darin zu liegen, dass sich gedungene Mörder, genannt Bravi, im franco- und norditalienischen Raum offenbar als Markenzeichen einen dicken Haarschopf über die Stirn wachsen liessen, ein „Toupet“ bzw. „Zuffo“. Die hatten also ganz schön Chuzpe. Hier noch ein Zitat aus dem italienischen Wikipedia-Artikel:

Una caratteristica dei bravi frequentemente riportata nelle gride milanesi contro di loro è quella di tenere i capelli lunghi con un ciuffo („zuffo“) sopra la fronte che veniva fatto ricadere per nascondere il volto e non essere riconoscibili.

Schade, dass sich auch diese Herleitung als blutrünstig erweist, aber das ist ja oft so bei diesen Wendungen. Eher erwartet hatte ich eine französische Hofadelsanekdote von, aus der Epoche, sagen wir, Louis XVI., in der ein Adliger mit einem besonders ‚verwegenem‘ Toupet auftrumpft, dessen Auffälligkeit unterstreicht, dass er sich dessen nicht schämt. Oder etwas in die Richtung.