Beflegelung

Beflegelung, die

Fundort: in der Studie: Wendler, Anton Wilhelm: Der Wiener Journalismus der Josephinischen Epoche und seine Stellungnahme zu den Problemen der dramatischen Literatur und des Theaters (unter besonderer Berücksichtigung der publizistischen Tätigkeit Johann Friedrich Schinks in Wien). Diss. Wien 1958.

Eine Beflegelung ist eine wüste Beschimpfung, auch als Verb verfügbar: jemanden beflegeln. Ein Superwort. Ich habe nicht notiert, ob es in Wendlers Studie von ihm selbst oder als Zitat aus josephinischer Zeit vorkam. Die Befunde aus dem DWDS (drei Belege bei Tucholsky) legen aber nahe, dass Wendler das Wort selbst verwendet, weil das Wort im DWDS-Korpus nur fürs frühmittige 20. Jahrhundert, nicht fürs 18., überhaupt belegt ist. Tolles Wort, ab sofort werden Leute wieder beflegelt, nicht beschimpft oder beleidigt.

Das Gebirg der Schwierigkeiten hinansteigen, um in den Hafen der Unsterblichkeit einzulaufen

Fundort: Sonnenfels, Joseph von: Fünftes Stück. Siebentes Schreiben. Wien: den 25. Jäner 1768. In: Briefe über die wienerische Schaubühne. Wien: Kurtzböck 1768. S. 90.

Diese Unrichtigkeiten des poetischen sowohl als prosaischen Ausdruks werden eigentlich dadurch begangen, daß der Schriftsteller die angefangene Allegorie fahren läßt, und sich unvermerkt in eine andre verlieret; […] wenn er das Gebirg der Schwierigkeiten hinansteigt, um in Hafen der Unsterblichkeit einzulaufen […].

Klar, Sonnenfels beschreibt hier einen rhetorischen Lapsus, wenn zwei nicht zusammengehörende metaphorische Wendungen verknüpft werden. Das kommt – sowohl als absichtliches Stilmittel wie auch als schlichter Fehler – sehr häufig vor und nennt sich im Jargon Katachrese. Sein Beispiel mit Gebirg und Hafen finde ich aber witzig, weil es sich ja genauso anfühlt, wenn man gerade irgendein Gebirg der Schwierigkeiten hochkraxelt und sich irgendwann fragt: Wofür mache ich das eigentlich? Ist da oben etwa der Hafen der Unsterblichkeit, oder was!? Also, bitte einführen in die Alltagssprache, danke.

Bad Smell Party

Mitbewohner A. entwickelte neulich das Konzept der Bad Smell Party, in Anlehnung an die bekannte Bad Taste Party. Er hat das laut Eigenaussage schon selbst auf Facebook geteilt, also kann ich das hier ohne Eigencredits nochmal aufrollen: Die Bad Smell Party besteht also aus einer Ansammlung schlechter Gerüche, Mitbewohner A. hat auch einige Parfums dazu entwickelt, ich erinnere mich nur noch an „Chanel N°2“ und „Hugo Bosshog“. Meine Beiträge waren „Fäulnisch Wasser“ und der Slogan: One smell of a party.

Vielen Dank fürs Lesen.

Flitterwitz

Fundort: Sonnenfels, Joseph von: Erstes Schreiben, Wien den 27. Wintermonds 1767. In: Briefe über die wienerische Schaubühne. Wien: Kurtzböck 1768. S. 17.

Ich befinde mich in dem Lande der Wunderwerke. Ein ernsthaftes Singspiel ohne Kastraten / — eine Musik ohne Solfezieren / oder wie ich es lieber nennen möchte, Gurgeley — ein wälsches Gedicht ohne Schwulst und Flitterwitz _ mit diesem dreyfachen Wunderderwerke [sic] ist die Schaubühne nächst der Burg wieder eröffnet worden.

Flitterwitz: Es wird aus dem Kontext recht klar, und auch das DWDS verweist nur auf den prägnanten Eintrag des Grimm’schen Wörterbuchs:

glänzender witz ohne gehalt.

Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm

Da es noch andere Komposita mit „Flitter-“ gibt (Flitterwelt, Flitterwesen, noch bekannt: Flitterwochen), lohnt es sich, an dieser Stelle auf die Bedeutung von Flitter hinzuweisen:

auf Modewaren aufgenähte glänzende, schillernde Metallblättchen, die als Schmuck dienen

Digitales Wörterbuch Deutscher Sprache

Das steht also eindeutig in einem direkten Zusammenhang mit dem heute noch geläufigeren Glitter, aber das können Sie selbst recherchieren. Flitterwitz will ich jedenfalls demnächst wieder einmal in einer Theaterkritik lesen.

Das Toupet haben, etwas zu tun

Fundort: Vergessen, klingt aber 100% nach Robert Walser

Das Toupet haben, etwas zu tun: im Sinne von Die Frechheit besitzen oder den Nerv haben. Das ist einfach eine direkte Übersetzung der geläufigen idiomatischen Wendung aus dem Französischen, avoir du toupet, weswegen ich mir noch sicherer bin, dass ich das bei Robert Walser herausnotiert habe.

Das ist auch auf Deutsch einfach ein toller Ausdruck. Die Herkunft im Französischen scheint laut dieses Artikels von Cnews darin zu liegen, dass sich gedungene Mörder, genannt Bravi, im franco- und norditalienischen Raum offenbar als Markenzeichen einen dicken Haarschopf über die Stirn wachsen liessen, ein „Toupet“ bzw. „Zuffo“. Die hatten also ganz schön Chuzpe. Hier noch ein Zitat aus dem italienischen Wikipedia-Artikel:

Una caratteristica dei bravi frequentemente riportata nelle gride milanesi contro di loro è quella di tenere i capelli lunghi con un ciuffo („zuffo“) sopra la fronte che veniva fatto ricadere per nascondere il volto e non essere riconoscibili.

Schade, dass sich auch diese Herleitung als blutrünstig erweist, aber das ist ja oft so bei diesen Wendungen. Eher erwartet hatte ich eine französische Hofadelsanekdote von, aus der Epoche, sagen wir, Louis XVI., in der ein Adliger mit einem besonders ‚verwegenem‘ Toupet auftrumpft, dessen Auffälligkeit unterstreicht, dass er sich dessen nicht schämt. Oder etwas in die Richtung.

schulfüchsisch

Fundort: Irgendein Text aus dem späten 18. Jahrhundert

Schulfüchsisch, Adjektiv, im Kontext, soweit ich mich erinnere, höchst abwertend gemeint. Das DWDS hat für das Adjektiv keine Einträge, beschreibt aber einen Schulfuchs schlicht als einen Pedanten. Soziopolitischer wird’s im Grimmschen Wörterbuch, wo sich eine Zweitbedeutung findet, die das Wort so herleitet:

ein spott-wort, das die hoffärtigen studenten von denen gebraucht, die noch auf schulen sind, oder erst davon herkommen, welche keine studentische freyheit haben, sondern in ihr schul-loch als füchse kriechen, und im verborgenen stecken. Frisch 2, 231ᶜ.

Schulfuchs, Grimmsches Wörterbuch

Obige Bedeutung wird dann bei Adelung noch gestützt. Wie dem auch sei, der „Pedant“ scheint vorzugehen. Das Wort ging steil zu Anfang des 18. Jahrhunderts (laut DWDS) und sollte, klar, wieder eingeführt werden.

Tierpark

Neulich waren wir zum ersten Mal im Tierpark Berlin. Das ist nicht der bekannte Tiergarten im Westen der Stadt, sondern eine riesige Anlage im Osten, die aus dem Park des Schlosses Friedrichsfelde (gegründet 1685 als Schloss Rosenfelde) entstand. Da der Zoo der Stadt im Westen lag, wurde nach der Teilung 1955 beschlossen, aus diesem Schlosspark einen Tierpark zu machen. Tierpark hier, Zoologischer Garten dort – und der Tierpark nennt sich hochoffiziell selbst Landschaftstiergarten.

Frage: Daraus erwuchs im Küchengespräch die legitime Frage: Gibt es einen Unterschied zwischen Zoo, Tiergarten und Tierpark?

Resultat: Die Recherche ist eindeutig: Es gibt keinen begrifflichen oder juristischen Unterschied zwischen Zoo(logischer Garten) und Tierpark. Aber natürlich einige interessante Details.

Details: Tierpark wurde früher zumindest tendenziell mit kleineren Anlagen assoziiert. Spätestens eine EU-Regelung von 1999, die «Zoo» (z.B. in Abgrenzungen zu Zirkussen) definiert, macht den Unterschied hinfällig, eine Tieranlage jeder Grösse ist ein Zoo, oder eben ein Tierpark, völlig egal. Hier lohnt es sich, einmal die EU-Definition von Zoo im Original nachzulesen:

Definition

Im Sinne dieser Richtlinie bezeichnet der Ausdruck «Zoo» dauerhafte Einrichtungen, in denen lebende Exemplare von Wildtierarten zwecks Zurschaustellung während eines Zeitraums von mindestens sieben Tagen im Jahr gehalten werden; ausgenommen hiervon sind Zirkusse, Tierhandlungen und Einrichtungen, die die Mitgliedstaaten von den Anforderungen der Richtlinie ausnehmen, weil sie keine signifikante Anzahl von Tieren oder Arten zur Schau stellen und die Ausnahme die Ziele der Richtlinie nicht gefährdet.

Quelle oben im Link.

Ist das nicht hinreissend? Sieben Tage im Jahr! Und: «Ausgenommen sind […] Einrichtungen, die die Mitgliedstaaten von den Anforderungen der Richtlinie ausnehmen». Klar, danach werden diese Anforderungen ausgeführt, aber man lese mal genau hin: In dem Satz ist nicht einmal das Subjekt klar. Und wieso nicht: «die die von den Mitgliedstaaten erlassenen Anforderungen der Richtlinie nicht erfüllen»? Wie dem auch sei.

Nochmal zum mir (und allen seither befragten Bekannten) vorher völlig unbekannten Tierpark im Osten Berlins: Es ist tatsächlich der flächenmässig grösste Zoo Europas mit 160 Hektar. Zum Vergleich: Der indische Arignar Anna Zoo ist ungefähr 600 Hektar gross. Undankbar ist, den grössten Zoo der Welt eruieren zu wollen, da die Zoo-Definitionen der verfügbaren Internet-Listicles nicht mit der oben gelästerten, aber dankenswert klaren EU-Regelung arbeiten. Der Zoologische Garten im Westen Berlins ist aber übrigens artenreicher als der Tierpark und bezeichnet sich selbst als artenreichsten Zoo der Welt.

Noch ein Detail: Der Tierpark nennt sich Landschaftstiergarten. Das scheint ein höchst laxer Begriff zu sein, der sich aus zwei Dingen erklärt: Einerseits ist der Park historisch gesehen natürlich ein zum Schloss Friedrichsfelde gehöriger Landschaftsgarten, was einfach bedeutet, dass er als landschaftlich-wild aussehender Park gestaltet wurde, ohne dass das mit Tieren etwas zu tun hätte («Englischer Landschaftsgarten»). Andererseits wird Landschaftstiergarten offenbar inzwischen teilweise für Zoos verwendet, in denen die Gehege eher «natürlich» aussehen. Das scheint noch ein relativ fuzzy term zu sein, geht aber vielleicht langsam Richtung Standardisierung. Zu guter Letzt: Ich mag Zoos nicht besonders, aber die begriffliche Unterscheidung machte mir beim Recherchieren viel Freude.

milzsüchtig

milzsüchtig (Adj.)

Fundort: irgendein/e Theatertext oder
-zeitschrift aus dem 18. Jahrhundert

Milzsüchtig heisst laut dem Duden einfach hypochondrisch, und war im Kontext, den ich vergessen habe, auch eindeutig als Beleidigung oder Abwertung gemeint. Hatte seine besten Tage – so jedenfalls das DWDS – im späten 18. Jahrhundert, ca. 1760–1780, was auch genau in den Zeitraum des Textes fällt, wo ich es entdeckt habe (das weiss ich, weil es einfach aus einem Riesenhaufen theoretischer, journalistischer und belletristischer Texte aus eben dieser Zeit ist, die ich letztes Jahr lesen musste – ich weiss einfach nicht mehr, wo genau). Das DWDS hat für das 21. Jahrhundert null Belege dazu gespeichert, für das 20. Jahrhundert gibt es von 1900 einen Beleg, und von wem? Genau, vom Meister der gewundenen und originellen Beleidigung, Karl Kraus in der Fackel.

Schaut man sich aber die frühen Belege im DWDS an, als0 1600–1900, sieht man schon an der Liste, dass der Ausdruck anfänglich eher neutral und für eine medizinische Befindlichkeit verwendet wurde, die sich an der Viersäftelehre zu orientieren scheint: die Milz ist dort ja für die Überproduktion der schwarzen Galle zuständig, also für melancholische, kränkliche Menschen. Später aber, im heissen Zeitraum des späten 18. Jahrhunderts, wandelt sich das Wort dann zusehends zur Abwertung von Hypochondern. Mir ist egal, welche Form wieder Verwendung finden soll, fände ein ernsthaftes #milzsüchtig bei schlechter Laune und grosser Schwermut aber sehr hübsch.

Kulturgeschichtlich ist vielleicht noch darauf hinzuweisen, dass das aus dem Griechischen entliehene Englische Wort für Milz spleen ist, welches dann wiederum Baudelaire für seine spezielle Art der Schwermut im Le Spleen de Paris benutzt hat – die Anglisierung wird in deutschen Baudelaire-Übersetzungen beibehalten (Pariser Spleen, der Spleen von Paris). Da wäre mit der guten alten Milzsucht (oder schweizerisch Milzsüchtigkeit) doch einiges mehr drin gelegen:

Die grosse Milzsucht.

Pariser Milzsucht.

Paris: Milzsüchtig.

Nach mir die Milzsucht.

Und so weiter.

Wippsterz

Wippsterz, der

Fundort: irgendeine Theaterzeitschrift des 18. Jahrhunderts

Wippsterz ist eine ältliche, vom Duden als „landschaftlich“ klassifizierte Form von Bachstelze. Im Kontext des Fundorts (habe vergessen wo genau) war es aber deutlich als Bezeichnung für einen dandyhaften Nervösling gemeint, diese Bedeutung findet sich lexikalisiert nur noch im Deutschen Wörterbuch von den Grimms:

übertragen verwendet für einen unruhigen, in steter bewegung befindlichen menschen, belege s. in den zu 2 angeführten wörterbüchern.

Gebildet wird das Wort aus „wippen“ und „Sterz“ (für Schwanz). Einige grossartige Varianten finden sich auch in Brehms Tierleben:

Haus-, Stein- oder Wasserstelze, Wege-, Wasser-, Quäk- und Wippsterz, Bebe-, Wedel- und Wippschwanz, Klosterfräulein oder Nonne, Ackermännchen etc.

Brehms Illustrirtes Thierleben (1866) im DWDS

Vorschlag: Wieder geläufig einführen für nervöse Zeitgenoss*innen. „Was für ein Wippsterz“, „Sei doch nicht so ein Wippsterz“ etc. Bitte in der nächsten Chat-Nachricht verwenden.

Etwas nachpetern

Quelle: ZVAB

Schreibt Bettine von Arnim in ihrem Buch Die Günderode (1840):

Du weißt, Du sagtest, der [ein Tiroler] hab ein Antlitz und kein Gesicht, ich fragte: was ist das, ein Antlitz? – Du belehrtest mich, das sei noch aus der Form Gottes, nach seinem Ebenbild geschaffen, aber Gesichter, die seien nur so nachgepetert, wo die Natur nicht hat wollen mit dabei sein und die Philister allein sich erzeugen lassen […].

Bettine von Arnim: Die Günderode. Leipzig: Insel 1983 [1840]. S. 267.

Etwas nachpetern: hier eindeutig im Sinne von „etwas nachlässig und minderwertig kopieren oder nachahmen“. Interessanterweise finden sich dafür überhaupt keine Belege, weder in geläufigen Wörterbüchern (Grimm, DWDS, Duden, Adelung), noch bei Lord Google. Eine Ableitung vom Englischen „to peter (out)“ (ausdünnen, auslaufen) ist natürlich denkbar, halte ich aber für unwahrscheinlich.