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  • blechtram 2:48 pm am November 24, 2019 Permalink | Antworten
    Tags: Catherine Ribeiro, Dennis Diderot, Johann Wolfgang von Goethe, Kotseele,   

    Toller Ausdruck der Woche: Kotseele 

    Fundort: irgendwo bei Herder (1778)

    Schöner Ausdruck, mit dem man im 18. Jahrhundert einander beflegelt hat. Bedeutet ungefähr das, was man aus Kot und Seele selbstständig rekonstruieren kann:

    für einen ehrlosen, schändlichen Menschen

    Goethe-Wörterbuch online

    Das Wort scheint aber nicht sehr häufig gewesen zu sein: Meine Fundstelle bei Herder kann ich nicht mehr genau finden, aber das Goethe-Wörterbuch bietet nur einen Beleg bei Diderots Rameaus Neffe – also einer Übersetzung aus dem Französischen – und das Deutsche Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm bietet überhaupt nur einen Treffer unter Kothseele bei Lavater.

    Immerhin, dank dieses Ausdrucks, der im Original bei Diderot offenbar âme de boue lautete, verstehe ich jetzt überhaupt erst das Wortspiel im Titel Âme debout der französischen Hippie-Folk-Prog-band Catherine Ribeiro + Alpes von 1971. Das ist vernetztes Lernen.

     
  • blechtram 9:03 am am November 14, 2019 Permalink | Antworten
    Tags: Fermenta cognitionis, Gotthold Ephraim Lessing, ,   

    Toller Ausdruck der Woche: Fermenta cognitionis 

    Fundort: Lessing, Gotthold Ephraim: Hamburgische Dramaturgie. Stuttgart: Reclam 2013. S. 480.

    Endlich mal ein toller Ausdruck mit vollständiger Quellenangabe. Lessing benutzt ihn im 95. Stück seiner Hamburgischen Dramaturgie – und Überraschung, offenbar ist das eine Eigenprägung. Ich habe es jedenfalls nirgends sonst gefunden, für mich klang das sehr nach irgendeinem Lessingvorbild. Wird im Deutschen übersetzt mit „Gärstoffe der Erkenntnis“, was nach Jauchegrube klingt. Lessing wusste schon, was er da tat.

     
  • blechtram 12:43 pm am October 19, 2019 Permalink | Antworten
    Tags: , , Novalis   

    Billet trouvé: Novalis 

    Athletik-Prothetik
    Kosmetik
    Novalis:
    Biographie = Kunstwerk
     
  • blechtram 9:57 am am October 7, 2019 Permalink | Antworten
    Tags: Alkestis, Euripides, ,   

    Momente voller Plunder: Tinder vs. Kinder 

    Euripides: Alkestis. Leipzig: Reclam 1926. S. 44.

    Nichts gegen Frakturschrift, aber Euripides‘ Tragödie Alkestis wird besser, wenn man hier „tinderlos“ statt „kinderlos“ liest.

     
  • blechtram 8:35 pm am October 2, 2019 Permalink | Antworten
    Tags: Der Hafen der Unsterblichkeit, Joseph von Sonnenfels, Katachrese,   

    Toller Ausdruck der Woche: Das Gebirg der Schwierigkeiten hinansteigen, um in den Hafen der Unsterblichkeit einzulaufen 

    Fundort: Sonnenfels, Joseph von: Fünftes Stück. Siebentes Schreiben. Wien: den 25. Jäner 1768. In: Briefe über die wienerische Schaubühne. Wien: Kurtzböck 1768. S. 90.

    Diese Unrichtigkeiten des poetischen sowohl als prosaischen Ausdruks werden eigentlich dadurch begangen, daß der Schriftsteller die angefangene Allegorie fahren läßt, und sich unvermerkt in eine andre verlieret; […] wenn er das Gebirg der Schwierigkeiten hinansteigt, um in Hafen der Unsterblichkeit einzulaufen […].

    Klar, Sonnenfels beschreibt hier einen rhetorischen Lapsus, wenn zwei nicht zusammengehörende metaphorische Wendungen verknüpft werden. Das kommt – sowohl als absichtliches Stilmittel wie auch als schlichter Fehler – sehr häufig vor und nennt sich im Jargon Katachrese. Sein Beispiel mit Gebirg und Hafen finde ich aber witzig, weil es sich ja genauso anfühlt, wenn man gerade irgendein Gebirg der Schwierigkeiten hochkraxelt und sich irgendwann fragt: Wofür mache ich das eigentlich? Ist da oben etwa der Hafen der Unsterblichkeit, oder was!? Also, bitte einführen in die Alltagssprache, danke.

     
  • blechtram 9:48 am am September 3, 2019 Permalink | Antworten
    Tags: Robert Walser,   

    Vignetten, Vol. 8 

     
  • blechtram 10:33 am am August 30, 2019 Permalink | Antworten
    Tags: , , Weihnachten   

    Billet trouvé: Weihnachtsgedicht 

    I bin voll,
    mein Konto nicht,
    mein kleines
    Weihnachtsgedicht.
     
  • blechtram 4:02 pm am August 28, 2019 Permalink | Antworten
    Tags: Abitur, , , Niklaus Meienberg   

    Momente voller Plunder: Meienberg vs. Abitur 

    Meienberg, Niklaus: Stille Tage in Chur [1974]. In: Meienberg, Niklaus: Reportagen aus der Schweiz. Zürich: Ex Libris 1979, 61.

    Ist mir nie aufgefallen, und ich finde es auch kulturanalytisch nicht ganz so schlimm wie Niklaus Meienberg, aber verblüffend ist es allemal, dass dort, wo in Österreich und der Schweiz ‚gereift‘, in Deutschland ‚weggegangen‘ wird.

     
  • blechtram 2:48 pm am July 16, 2019 Permalink | Antworten
    Tags: Charles Baudelaire, Karl Kraus, Milzsüchtig, Milzsucht, Spleen de Paris,   

    Toller Ausdruck der Woche: milzsüchtig 

    milzsüchtig (Adj.)

    Fundort: irgendein/e Theatertext oder
    -zeitschrift aus dem 18. Jahrhundert

    Milzsüchtig heisst laut dem Duden einfach hypochondrisch, und war im Kontext, den ich vergessen habe, auch eindeutig als Beleidigung oder Abwertung gemeint. Hatte seine besten Tage – so jedenfalls das DWDS – im späten 18. Jahrhundert, ca. 1760–1780, was auch genau in den Zeitraum des Textes fällt, wo ich es entdeckt habe (das weiss ich, weil es einfach aus einem Riesenhaufen theoretischer, journalistischer und belletristischer Texte aus eben dieser Zeit ist, die ich letztes Jahr lesen musste – ich weiss einfach nicht mehr, wo genau). Das DWDS hat für das 21. Jahrhundert null Belege dazu gespeichert, für das 20. Jahrhundert gibt es von 1900 einen Beleg, und von wem? Genau, vom Meister der gewundenen und originellen Beleidigung, Karl Kraus in der Fackel.

    Schaut man sich aber die frühen Belege im DWDS an, als0 1600–1900, sieht man schon an der Liste, dass der Ausdruck anfänglich eher neutral und für eine medizinische Befindlichkeit verwendet wurde, die sich an der Viersäftelehre zu orientieren scheint: die Milz ist dort ja für die Überproduktion der schwarzen Galle zuständig, also für melancholische, kränkliche Menschen. Später aber, im heissen Zeitraum des späten 18. Jahrhunderts, wandelt sich das Wort dann zusehends zur Abwertung von Hypochondern. Mir ist egal, welche Form wieder Verwendung finden soll, fände ein ernsthaftes #milzsüchtig bei schlechter Laune und grosser Schwermut aber sehr hübsch.

    Kulturgeschichtlich ist vielleicht noch darauf hinzuweisen, dass das aus dem Griechischen entliehene Englische Wort für Milz spleen ist, welches dann wiederum Baudelaire für seine spezielle Art der Schwermut im Le Spleen de Paris benutzt hat – die Anglisierung wird in deutschen Baudelaire-Übersetzungen beibehalten (Pariser Spleen, der Spleen von Paris). Da wäre mit der guten alten Milzsucht (oder schweizerisch Milzsüchtigkeit) doch einiges mehr drin gelegen:

    Die grosse Milzsucht.

    Pariser Milzsucht.

    Paris: Milzsüchtig.

    Nach mir die Milzsucht.

    Und so weiter.

     
  • blechtram 1:23 pm am July 8, 2019 Permalink | Antworten
    Tags: Julio Cortázar, , Marshall McLuhan, , Rayuela   

    Momente voller Plunder: Cortázar vs. McLuhan 

    Kapitel 79

    In Julio Cortázars Roman Rayuela (1963) macht sich der fiktive Autor Morelli in einer der im Text verstreuten poetologischen Reflexionen über ‚den Roman‘ so seine Gedanken (Kapitel 79) und veröffentlicht dabei ein Jahr vor Marshall McLuhan eine Variante der inzwischen bekannten Maxime „The medium is the message“. Die Schrift von McLuhan, der üblicherweise die Erstnennung des Dictums zugeschrieben wird, nämlich Understanding Media, erschien erst 1964. Allerhand! Morelli, bzw. Cortázar, knapp vor McLuhan! Gut, Morelli sagt eher so etwas wie „The messenger is the message“. Ich habe dann noch nachgeschaut, ob die deutsche Übersetzung von Fritz Rudolf Fries, die erst 1981 erschien, sich in irgendeiner vom spanischen Text abweichenden Form an McLuhan orientiert, das scheint aber nicht der Fall zu sein. Spanisch heisst die Stelle durchaus wörtlich: „Una narrativa que no sea pretexto para la transmisión de un ‚mensaje‘ (no hay mensaje, hay mensajeros y eso es el mensaje, así como el amor es el que ama) […]“. Natürlich, jetzt müsste man noch nachschauen, ob und inwiefern Varianten des Ausspruchs schon vorher in der Kulturgeschichte vorkamen, und ich bin mir sicher, dass man da bei so einer üblichen Kette von Joyce, Nietzsche, Fr. Schlegel, Cervantes bis zum guten Homer landen würde. Das kann gern jemand unternehmen. Aber die diesbezügliche Drängung Anfang der 1960er scheint mir hübsch, und dass McLuhan den Spruch dermassen für sich pachten konnte, scheint mir überdenkenswert, ohne dass ich damit unlautere Absichten verfolge.

     
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