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  • blechtram 4:49 pm am July 24, 2020 Permalink | Antworten
    Tags: Dorian Gray, Oscar Wilde,   

    Vignetten, Vol. 32 

     
  • blechtram 12:31 pm am May 14, 2020 Permalink | Antworten
    Tags: Elio Pellin, Hermann Burger, Pluralis sanitatis,   

    Toller Ausdruck der Woche: Pluralis sanitatis 

    Fundort: Burger, Hermann: Die künstliche Mutter.
    Frankfurt/M.: Fischer 1982. S. 166.

    Pluralis sanitatis, also die Verwendung der ersten Person Plural in Sätzen wie „Wie geht es uns denn heute?“ oder „Hatten wir Stuhlgang?“ – toll, habe ich zuerst bei Hermann Burger gesehen und ihm automatisch auch sofort die Urheberschaft zugeschrieben, da es zu seinen anderen poeto-grammatischen Spielereien passt, etwa den konjunktivischen Substantiven („Töd“ als möglicherweise eintretender Tod in Schilten und derlei).

    Ich wurde belehrt: Das scheint ein bekanntes linguistisches Konzept zu sein, ganz analog dem bekannteren Pluralis majestatis. Der Duden beschreibt ihn auch als „Krankenschwesternplural„, erwähnt dazu noch den Pluralis modestiae, wenn jemand „wir“ statt „ich“ sagt, um die eigene Person etwas zurückzunehmen – ungefähr, wenn eine Politikerin eine Stichwahl gewinnt und dann „Wir waren von Anfang an zuversichtlich und haben das jetzt geschafft“ sagt.

    Der Pluralis modestiae wird oft mit dem Pluralis auctoris ungefähr gleichgesetzt. Das ist die im Deutschen langsam aussterbende Angewohnheit, „wir“ in (vor allem) akademischen Texten zu verwenden („In diesem Kapitel werden wir zeigen“, „Damit wären wir am Schluss unserer Ausführungen“), die sich im Französischen meiner Erfahrung nach aber noch beinahe selbstverständlicher Verwendung erfreut…

    Daran angelehnt gibt es noch einen Pluralis societatis, wie mir der dritte Teil des Buches Sprachgeschichte (Hg. Werner Besch, Anne Betten, Oskar Reichmann, Stefan Sonderegger) mitteilt. Das ist, wenn eine Rednerin oder Autorin bei ihren Ausführungen das Publikum mit einbezieht. Das Buch benennt darüber hinaus auch den Pluralis reverentiae, 2. Person Plural („Eure Majestät“).

    Ich bin neulich wieder auf diesen Plural gestossen, in Elio Pellins verspieltem Kurzroman Der Himmel als Abgrund über euch. Pellin fügt den genannten noch eine weitere Mehrzahl hinzu, den Pluralis praegnationis (13. Kapitel):

    Link zur Blog-Version des Romans

    Das ist eine Neuschöpfung, soweit ich sehe, und es geht ungefähr darum, ob die hier sprechende Salomé von Erlach, da sie schwanger ist, mit grösserer Berechtigung einen der anderen hier disktuierten Plurale verwendet.

    Wie dem auch sei: Pluralis sanitatis, wunderbar, nicht von Burger erfunden und auch nicht der einzige kuriose Plural.

     
  • blechtram 1:06 pm am April 5, 2020 Permalink | Antworten
    Tags: , ,   

    Toller Ausdruck der Woche: Arrieregarde – Nachtrag! 

    In diesem Beitrag hatte ich mich sehr darüber gewundert, warum für Avantgarde die metaphorische (kultur- und kunstprogressive) Bedeutungsvariante im Duden lexikalisiert ist, während dies für Arrieregarde nicht der Fall ist, obwohl ein Blick in ein DWDS-Korpus zeigt, dass im 20. Jahrhundert auch hier eigentlich nur die metaphorische (kultur- und kunstregressive) Bedeutung verbucht ist.

    Deshalb habe ich beim Institut für Deutsche Sprache (IDS) nachgefragt. Und tatsächlich, nicht einmal vier Tage später kam die erlösende Antwort. Klar, sie ist so allgemein wie die Frage, aber trotzdem: Das ist sprachbenutzer*innenorientierter Service, ich bin baff. Zehn von zehn Punkten für das IDS. Hier die Antwort:

     
  • blechtram 11:15 am am April 2, 2020 Permalink | Antworten
    Tags: , Duden, , Lexika, Pesto, Reis   

    Kontige Objekte: Duden vs. Klopapier 

    Diese Wörter wurden laut der Online-Duden-Webseite so ungefähr Mitte März 2020 „häufig nachgeschlagen“. Natürlich (und hier für die Nachwelt): Das sind die Wörter bzw. Produkte, ohne die es die Welt zu jener Märzenzeit nicht durch die Corona-Krise geschafft hätte. Bei Google-Trends erstaunt eine solche Suche also nicht unbedingt (man muss ja googeln, ob’s im Supermarkt um die Ecke noch „Reis“ gibt und wieviel 500 Gramm „Pasta“ jetzt kosten). Bei einem Wörterbuch ist die Schlagwortsuche doch kurios. Meine erste Annahme war, dass der Online-Duden einfach schummelt und sich die Wörter bei Google Trends o.ä. besorgt hat – das hat aber nur sehr bedingt mit den Google Trends jener Zeit übereingestimmt („Klopapier“ wurde tatsächlich wie verrück gegoogelt, aber z.B. für „Pasta“ habe ich keine entsprechende Google-Statistik gefunden). Jedenfalls liegt die Vermutung nahe, dass die „häufig nachgeschlagenen Wörter“ mehr oder weniger stark kuratiert sind. Das ist ja auch sinnvoll, sonst würden dort konsequent Dinge wie „wi(e)dersprechen“ und „R(h)yt(h)mus“ die Charts anführen. Ich hab mal beim Duden nachgefragt:

    Die Antwort steht noch aus. Es bleibt spannend: Klopapier. Pasta. Pesto. Reis.

     
  • blechtram 4:31 pm am January 5, 2020 Permalink | Antworten
    Tags: Johann Christian Krüger, , , schwarz,   

    Toller Ausdruck der Woche: Jemandem nicht sagen können, wie schwarz aussieht 

    Fundort: Sonnenfels, Joseph von: Briefe über die wienerische Schaubühne. Brief vom 11. Juny 1768.

    Der Ausdruck bedeutet ungefähr: Etwas nicht erklären oder beschreiben können, das eigentlich ganz offensichtlich und einfach zu sein scheint. Sonnenfels hat das nicht selbst erfunden, seine eigene Quellenangabe führt zu einem einigermassen zeitgenössischen Stück von Johann Christian Krüger (1723–1750), Der blinde Ehemann (genaues Datum unbekannt), in dem ein gewisser Crispin buchstäblich daran scheitert, die Farbe schwarz beschreiben zu können.

    Krüger, Johann Christian: Der blinde Ehemann, erster Aufzug, erster Auftritt.

    Ein recht alltägliches Stück Epistemologie, aber immerhin praktisch für schnoddrig-ärgerliche, unsympathische Abwürgungen von Unterhaltungen: „Ich kann dir halt nicht erklären, wie schwarz aussieht!“

     
  • blechtram 2:48 pm am November 24, 2019 Permalink | Antworten
    Tags: Catherine Ribeiro, Dennis Diderot, Johann Wolfgang von Goethe, Kotseele,   

    Toller Ausdruck der Woche: Kotseele 

    Fundort: irgendwo bei Herder (1778)

    Schöner Ausdruck, mit dem man im 18. Jahrhundert einander beflegelt hat. Bedeutet ungefähr das, was man aus Kot und Seele selbstständig rekonstruieren kann:

    für einen ehrlosen, schändlichen Menschen

    Goethe-Wörterbuch online

    Das Wort scheint aber nicht sehr häufig gewesen zu sein: Meine Fundstelle bei Herder kann ich nicht mehr genau finden, aber das Goethe-Wörterbuch bietet nur einen Beleg bei Diderots Rameaus Neffe – also einer Übersetzung aus dem Französischen – und das Deutsche Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm bietet überhaupt nur einen Treffer unter Kothseele bei Lavater.

    Immerhin, dank dieses Ausdrucks, der im Original bei Diderot offenbar âme de boue lautete, verstehe ich jetzt überhaupt erst das Wortspiel im Titel Âme debout der französischen Hippie-Folk-Prog-band Catherine Ribeiro + Alpes von 1971. Das ist vernetztes Lernen.

     
  • blechtram 9:03 am am November 14, 2019 Permalink | Antworten
    Tags: Fermenta cognitionis, Gotthold Ephraim Lessing, ,   

    Toller Ausdruck der Woche: Fermenta cognitionis 

    Fundort: Lessing, Gotthold Ephraim: Hamburgische Dramaturgie. Stuttgart: Reclam 2013. S. 480.

    Endlich mal ein toller Ausdruck mit vollständiger Quellenangabe. Lessing benutzt ihn im 95. Stück seiner Hamburgischen Dramaturgie – und Überraschung, offenbar ist das eine Eigenprägung. Ich habe es jedenfalls nirgends sonst gefunden, für mich klang das sehr nach irgendeinem Lessingvorbild. Wird im Deutschen übersetzt mit „Gärstoffe der Erkenntnis“, was nach Jauchegrube klingt. Lessing wusste schon, was er da tat.

     
  • blechtram 12:43 pm am October 19, 2019 Permalink | Antworten
    Tags: , , Novalis   

    Billet trouvé: Novalis 

    Athletik-Prothetik
    Kosmetik
    Novalis:
    Biographie = Kunstwerk
     
  • blechtram 9:57 am am October 7, 2019 Permalink | Antworten
    Tags: Alkestis, Euripides, ,   

    Momente voller Plunder: Tinder vs. Kinder 

    Euripides: Alkestis. Leipzig: Reclam 1926. S. 44.

    Nichts gegen Frakturschrift, aber Euripides‘ Tragödie Alkestis wird besser, wenn man hier „tinderlos“ statt „kinderlos“ liest.

     
  • blechtram 8:35 pm am October 2, 2019 Permalink | Antworten
    Tags: Der Hafen der Unsterblichkeit, , Katachrese,   

    Toller Ausdruck der Woche: Das Gebirg der Schwierigkeiten hinansteigen, um in den Hafen der Unsterblichkeit einzulaufen 

    Fundort: Sonnenfels, Joseph von: Fünftes Stück. Siebentes Schreiben. Wien: den 25. Jäner 1768. In: Briefe über die wienerische Schaubühne. Wien: Kurtzböck 1768. S. 90.

    Diese Unrichtigkeiten des poetischen sowohl als prosaischen Ausdruks werden eigentlich dadurch begangen, daß der Schriftsteller die angefangene Allegorie fahren läßt, und sich unvermerkt in eine andre verlieret; […] wenn er das Gebirg der Schwierigkeiten hinansteigt, um in Hafen der Unsterblichkeit einzulaufen […].

    Klar, Sonnenfels beschreibt hier einen rhetorischen Lapsus, wenn zwei nicht zusammengehörende metaphorische Wendungen verknüpft werden. Das kommt – sowohl als absichtliches Stilmittel wie auch als schlichter Fehler – sehr häufig vor und nennt sich im Jargon Katachrese. Sein Beispiel mit Gebirg und Hafen finde ich aber witzig, weil es sich ja genauso anfühlt, wenn man gerade irgendein Gebirg der Schwierigkeiten hochkraxelt und sich irgendwann fragt: Wofür mache ich das eigentlich? Ist da oben etwa der Hafen der Unsterblichkeit, oder was!? Also, bitte einführen in die Alltagssprache, danke.

     
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